Unser Aufenthalt in Beats Häuschen in Haines Junction verlängerte sich Tag um Tag.

Zum einen genossen wir es sehr, unser eigenes Zuhause zu haben, auf einem Herd zu kochen, an einem Tisch aus Tellern zu essen und auf dem Sofa einen Film zu schauen. Zum anderen wollte das Wetter nicht so richtig sonnig werden und wir warteten auf eine längere Schönwetterphase. Diese stellte sich jedoch nicht ein, sodass wir abfahrtsbereit in letzter Minute unsere Pläne änderten und statt dem scheinbar sehr spektakulären Umweg über Haines und Skagway direkt dem Alaska Highway nach Whitehorse folgten.

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Das Städtchen (mit 33’000 Einwohnern) bot alles, was Reisende und Einheimische aus der Provinz Yukon (mit 47’000 Einwohnern) benötigen. Besonders viel zu sehen gab es in Whitehorse allerdings nicht und wir widmeten uns vor allem der gemütlichen Kaffeepause vor der langen Weiterfahrt.

Häufige Regenschauer, Gegenwind und wenig Abwechslung machten die 440 Kilometer lange Strecke zwischen Whitehorse und Watson Lake nicht besonders reizvoll. Höhepunkt war die Begegnung mit Cam. Am Vormittag reichte er uns ein Gatorade aus seinem Arbeitsauto und nach einem langen, regnerischen Tag bot er uns in seinem Hotelzimmer eine warme Dusche an. Was für eine Wohltat, danke Cam!

In Watson Lake freuten wir uns über das Wiedersehen mit Corine und Erwin aus Wiedlisbach, die seit ihrer Pensionierung mit dem Velo von Alaska nach Süden unterwegs sind. In den gut ausgestatteten Supermärkten füllten wir unsere Vorräte auf und im warmen Infozentrum taten wir uns mit der Routenwahl für die nächsten 1’300 Kilometer schwer. Wie viele Motorrad-Fernfahrer weiter dem verkehrsreichen Alaska Highway folgen? Oder wie die Mehrheit der zahlreichen Velofahrer auf dem schmalen Cassiar Highway südwärts fahren?
David lieferte schliesslich das überzeugende Argument: Der Cassiar Highway #37 ist zuerst landschaftlich spannend, hat aber wenig Infrastruktur. Danach wird es auf dem Yellowhead Highway #16 zwar eintöniger, es gibt aber mehr Dörfer und Einkehrmöglichkeiten. So waren jedenfalls unsere Erwartungen😉. Zufrieden mit unserer Entscheidung kehrten wir noch am gleichen Abend zur Abzweigung des Cassiar Highways zurück. Bei der originellen Dame im Foodtruck belohnten wir uns mit einer Cola und wurden von ihr je mit einer Goldmedaille für Velofahrer ausgezeichnet.

Als wir unter dem Schild «Welcome to British Columbia» unser Zelt aufgebaut hatten, bemerkte David, dass sein Etui mit Ladegerät und Ersatzakkus fehlte. Er hatte es wohl im Infozentrum in Watson Lake liegengelassen. Damit stand unser Plan für den nächsten Tag fest: 50 Kilometer zurück nach Watson Lake. Weil zwei Stunden Autostopp an diesem ruhigen Morgen erfolglos blieben, deponierten wir unsere Taschen beim netten Herrn an der heruntergekommenen Tankstelle und pedalierten mit leichten Velos zurück ins Dorf. Das Ladegerät war wie vermutet im Infozentrum… puuh! Grund genug, dies vor der Rückkehr zur Kreuzung bei Kaffee und Muffin zu feiern.
Was auf dem Hinweg ohne Velos nicht geklappt hatte, war auf dem Rückweg mit Velos ganz einfach. Wir durften unsere Fahrräder bei einem Bauarbeiter auf die Ladefläche hieven und wurden von ihm an die wohlbekannte Kreuzung zurückgefahren. Yippee, zwei Stunden Fahrt mit vielen Höhenmetern und Gegenwind gespart😊!

Nun konnten wir auf dem Cassiar Highway Kurs in Richtung Süden aufnehmen. Die Tage waren lang und anstrengend, das Gelände hügelig, Gegenwind und unzählige Regenschauer unsere treuesten Begleiter. Die erhofft schöne Bergwelt hüllte sich oft in Wolken, sodass wir uns mehr oder weniger frustriert über den harzigen Fortschritt von einer kleinen Ansiedlung zur nächsten hangelten. Bis das Wetter und der Wind nach fünf Tagen endlich besser wurden, waren Mikrowellenpopcorn und der gelegentliche Bär am Strassenrand unsere Höhepunkte.
Als sich dann plötzlich die Sonne zeigte, ging alles viel einfacher. Die Velos rollten reibungslos, Motivation, Kraft und Unternehmungsfreude kehrten zurück. Unter diesen Bedingungen war es ganz klar, dass wir eine Tagesetappe später bei Meziadin Junction den Abstecher ins Dörfchen Stewart unter die Räder nahmen.

Der sympathische kleine Ort mit frischem Kaffee und warmen Muffins in Trudys Bäckerei hätte die Zusatzkilometer an und für sich schon gerechtfertigt. Aber die Umgebung bot noch viel mehr… Wir durften unser Zusatzgepäck im Infozentrum deponieren und via das kleine, in den USA gelegene Dörfchen Hyder zum Salmon Gletscher hochkurbeln. Wegen Bergbaus war die Schotterstrasse gut ausgebaut und der Aussichtspunkt auf der Passhöhe sogar mit Plumpsklos ausgestattet. Unser Übernachtungsplatz mit Gletschersicht war fantastisch und entschädigte alle Mühen auf dem Weg hierhin! Einzig die erstaunlich vielen Mücken trübten die Idylle etwas.

Am nächsten Morgen sausten wir zurück ins Tal und direkt zu Trudys Bäckerei😊. Abgesehen von Wäsche waschen und Einkaufen hatten wir den ganzen Tag nichts vor, denn abends waren wir auf dem Campingplatz am Dorfausgang mit Renée, Kim, Don und Ross verabredet. Wir hatten die vier ein paar Tage zuvor beim «Wildcampen» auf einem Parkplatz kennengelernt und uns bestens unterhalten. Nun waren wir bei ihnen zum Znacht eingeladen. Doch zuvor gab es ein anderes fröhliches Wiedersehen. An der Hauptstrasse in Stewart rollten uns plötzlich Salome und Dan entgegen. Wie schön, die beiden wiederzusehen😊! In bester Gesellschaft vergingen Nachmittag und Abend wie im Flug.

Vielleicht ging auch die Nacht etwas zu schnell vorbei, denn David erwachte heute mit Schwindel und musste sich vor dem Zmorge wieder hinlegen. Während er neben mir im Schlafsack auf dem Boden lag, begann ich, diesen Bericht zu verfassen. Inzwischen geht es ihm besser, wir sitzen wieder bei Trudys und geniessen einen weiteren ruhigen Tag in Stewart…

Dieser Beitrag wurde am 17. Juli 2025 geschrieben und am 24. Juli 2025 publiziert.