Nachdem wir in Waterton genug entspannte Ferienstimmung aufgesogen hatten, entschieden wir uns doch noch, eine Wanderung zu unternehmen. Diese führte uns direkt vom Campingplatz über den windigen Carthew Pass, der uns mit herrlichen Aussichten über die hochalpine Landschaft mit farbigen Steinen belohnte. Vom Ziel am Cameron Lake wollten wir per Autostopp ins Dorf zurückkommen.

Eine Mitfahrgelegenheit zu finden, gestaltete sich schwieriger als erwartet. Die junge Fahrerin des schäbigsten Autos konnte unsere Anfrage fast nicht ablehnen, da ihr Fahrzeug weder zu voll noch zu hübsch für uns war. Aber sie schien merklich besorgt und meinte, sie würde uns nur mitnehmen, wenn wir keine Massenmörder seien. Nein, sind wir nicht😊. Aber ihre Frage war durchaus ernst gemeint! Spürten wir in ihrem Misstrauen schon die Nähe zu den USA? Während der kurzen Autofahrt bemühten wir uns besonders um eine fröhliche Unterhaltung, damit sie ein positives Autostopperlebnis hatte… was gut gelang.

Nicht gelungen ist es uns, eine weitere Nacht auf dem Overflow-Campground, also auf der Zeltwiese, zu verbringen. Die junge Wardenfrau meinte harsch “This night, you won’t sleep on the overflow campground!” und wollte uns einen normalen Stellplatz verkaufen, eingequetscht zwischen gigantischen Wohnmobilen. Diesen Gefallen taten wir ihr nicht und suchten uns nette Gastgeber, auf deren Platz wir unser Zelt aufbauen durften, machten dabei tolle Bekanntschaften und bezahlten nichts😊. Mit den gesparten Kanadischen Dollar (und ein bisschen mehr😉) gönnten wir uns zum Abschluss unseres zweimonatigen Aufenthalts in Kanada ein mexikanisches Znacht im Restaurant. Dafür fuhren wir extra 30 Kilometer zurück nach Twin Butte, was sich durchaus lohnte.

Genauso schnell, wie wir unsere letzten Kanadischen Dollar ausgegeben hatten, reisten wir am nächsten Tag wieder in die USA ein. Zwei Bären, die unmittelbar hinter uns das Niemandsland querten, sorgten am Grenzposten für besonders lockere Stimmung. Was in Kanada Waterton Lakes Nationalpark genannt wird, heisst in den USA Glacier Nationalpark und bildet zusammen den International Peace Park. Auf der amerikanischen Seite ist die Hauptattraktion der Highway to the Sun, eine Passstrasse durch den Park. Diese viel gerühmte Strecke wollten wir uns nicht entgehen lassen. Ja, die Strasse war schön aber für uns keine Sensation. Zudem ärgerten wir uns, dass wir auf der Abfahrt von den nostalgischen Touristenbussen ausgebremst wurden😉.

Die grosse Begeisterung über unsere Rückkehr in die USA stellte sich auch in den folgenden Tagen nicht ein. Trotz der unzähligen Kirchen und Jesusplakaten war von Nächstenliebe nicht viel zu spüren. Wir fanden die Menschen kühl und abweisend und fühlten uns nicht willkommen. Für den emotionalen Tiefpunkt sorgte eine Begegnung im hübschen, musealen Dörflein Ovando. Es liegt am populären Great Divide Mountainbike Trail und bietet Velofahrern gegen freiwillige Spenden liebevoll hergerichtete Campingmöglichkeiten auf dem Dorfplatz. Wir freuten uns über dieses velofreundliche Angebot und sassen mit erfrischenden Getränken vor dem General Store / Hotel / Bar / Restaurant, als uns ein Anwohner besuchte. Mit Hund und Velo machte er einen sympathischen Eindruck. Doch schon nach ein paar Worten wussten wir über seine Gesinnung Bescheid. Die Demokraten seien das Geschwür der Gesellschaft und für alles verantwortlich. Ihretwegen dürfe man Bären nicht abschiessen, obwohl diese Angst vor dem Menschen lernen müssten (tot geht dies offenbar besser🙄). Ovando sei berühmt, weil hier vor drei Jahren eine Velofahrerin von einem Bären getötet wurde. Er gehe grundsätzlich nie ohne seine 10mm-Pistole aus dem Haus. Wir wollten relativieren und erklärten, dass der Verkehr für uns die grössere Gefahr sei. Nein, er wisse, was unser Problem sei: die Immigranten. Er verbringe täglich viele Stunden mit den Nachrichten und sähe, wie Europa an den muslimischen Immigranten zugrunde gehe. Er lese jeden Tag von Terroranschlägen und Messerstechereien. Da wir ihm nicht zustimmten, kam er später nochmals zurück und sagte, er habe gerade nachgeschaut: Die Schlagzeilen seinen voll von Meldungen über Attentate, besonders in der Schweiz. Wir waren baff und froh, als der Typ mit grossem Kreuz um den Hals wieder verschwand. Sein Auftritt beschäftigte uns den ganzen Abend und noch lange danach. Wie extreme Fremdenfeindlichkeit, Misstrauen und Intoleranz mit tiefster Religiosität zu vereinbaren sind, ist für uns unbegreiflich. Dass sein Haus mit Fanplakaten des amtierenden Präsidenten tapeziert war, überraschte uns hingegen wenig. In diesem Zusammenhang fanden wir den Podcast von SRF International «Auserwählt? Wie Trump Religion zur politischen Waffe macht» sehr spannend.

Nachdenklich fuhren wir am nächsten Tag weiter in Richtung Helena. Zu unserer betrübten Stimmung passten die dunklen Wolken am Horizont und dass wir abends vor lauter Zäunen keinen Platz zum Zelten fanden. Letzteres erwies sich jedoch als Glücksfall, denn wir trafen auf Feuerwehrleute, welche sich gerade auf ihre Übung vorbereiteten und uns neben dem Magazin übernachten liessen. Unser Vertrauen in die Menschen kehrte zurück und wurde am nächsten Tag bestätigt, als wir zum Zmittag per Zufall vor einem Biosupermarkt in Helena sassen. Da fuhren Leute in kleinen Autos vor, manche kamen sogar mit dem Velo oder zu Fuss, multikulturelle Paare und alle trugen ihre Einkäufe in Kartonboxen oder mitgebrachten Taschen aus dem Geschäft. Wow, vielleicht sollten wir uns öfter vor Bioläden setzen, wenn wir denken, die Welt gehe vor die Hunde.

Aktiviere Karte Deaktiviere Karte

Unsere Pause vor dem Supermarkt wurde länger und länger, denn es regnete immer stärker. Irgendwann rangen wir uns zum Aufbruch durch, schliesslich wollten wir noch kurz einen Blick auf die Innenstadt von Helena werfen und mussten einen Platz zum Übernachten finden. Als wir im strömenden Regen an einer Kreuzung warteten, rief uns eine Frau etwas aus ihrem Pick-Up zu. Ich verstand nur Veloladen und Unterstand. Zufälligerweise gehörte das nächste Vordach tatsächlich zu einem Veloladen und wir stellten uns dort unter. Schon bald kam ein Angestellter heraus und lud uns (und die Velos) ein, den Regen drinnen abzuwarten. Das taten wir natürlich sehr gerne! Es hätte übrigens eine Dame angerufen und ihn informiert, dass sie uns abholen würde. Weil sich das Wetter nicht besserte, blieben wir, bis sie vorbeikam. Mit unseren Velos und Gepäck auf der Ladefläche ihres Pick-Ups besorgten wir Abendessen, Wein und Glace, dann ging es in ihr Landhaus in den Hügeln von Helena. Wir wurden köstlich verpflegt, durften die glücklichsten drei Esel der Welt kennenlernen und in unserer eigenen Wohnung oberhalb der Werkstatt übernachten. Wahnsinn, diese herzliche Gastfreundschaft und Grosszügigkeit! Merci euch beiden!

Am nächsten Morgen zeigten sich die schmucken Gassen von Helena bei gutem Wetter und wir verliessen den Hauptort des Bundesstaats Montana im Sonnenschein. Anfangs war die hügelige Landschaft noch ziemlich zersiedelt. Doch als wir von der Hauptstrasse abbogen und über einen Pass in Richtung Livingston pedalierten, wurde das Weideland karger und menschenleerer. Diese Landschaft fasziniert uns immer wieder aufs Neue!

Einige Tage zuvor hatten wir uns bei den Warmshower Gastgebern Lee und Jeannie südlich von Clyde Park angemeldet. Die beiden empfingen uns ganz herzlich und wir durften mit ihnen und ihren bunten Künstler- und Skifahrerfreunden einen geselligen Abend mit frisch gepresstem Apfelsaft und hausgemachter Pizza verbringen. Ahhh… das war toll!

Gestärkt mit Kaffee aus ihrer Jura-Maschine und ausgestattet mit vielen Tipps und Ideen, machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Livingston. Wir benötigten für die Strecke in den Yellowstone Nationalpark ohnehin zwei Tage, hatten es daher nicht eilig und verbrachten viele Stunden im hübschen Städtchen, genauer gesagt im Café Crossing und im Supermarkt😉. Erst gegen Abend absolvierten wir noch einige Kilometer auf der East River Road nach Süden, um am nächsten Tag die Sinterterrassen bei Mammoth Hot Springs im Nationalpark zu erreichen. Von dort aus fuhren wir durch das Lamar Tal, bekannt für seine Wildtiere, wieder aus dem Park heraus.

Auf der Ostseite des Yellowstones war uns der Beartooth Pass wärmstens empfohlen worden. Die Fahrt über das alpine Hochplateau war wirklich wunderschön, wenn auch die Fernsicht wegen des Rauchs von Waldbränden getrübt war. Beim Städtchen Red Lodge stellte sich fürs Zelten einmal mehr das Zaunproblem. Jedes Stück Land war umzäunt und die «No Trespassing»-Schilder nahmen wir hier durchaus ernst.
Etwas ausserhalb des Dorfes fanden wir ein Plätzchen zwischen Strasse und Stacheldraht, welches uns ganz gut behagte. Wir waren in der Dämmerung gerade am Kochen, als ein grosser Pick-Up vorfuhr. Heraus kam nicht etwa ein Cowboy, der uns wegschicken wollte, sondern der sehr sympathische Andreas mit Sohn Aron aus München. Die beiden verbringen den Urlaub auf der Ranch eines Freundes und waren mit dem geliehenen Truck auf einer mehrtägigen Ausfahrt.
Wir unterhielten uns eine Weile über die verrückte Welt: Ihr Pick-Up säuft 30 Liter auf 100 Kilometer, auf der Ranch werden die saftigen Steaks mit Plastikbesteck aus Einweggeschirr gegessen, die Wildfeuer werden jährlich heftiger und grösser aber alle finden «Gab’s schon immer» und Klimawandel ist nicht wissenschaftlich belegt, sondern wie Religion, man glaubt daran oder eben auch nicht. Es war schon lange dunkel, als wir in unserem Zelt und sie auf der Ladefläche des Pick-Ups einschliefen😊.

Wegen des vielen Rauchs in der Luft, mussten wir uns auf der Weiterfahrt die Aussicht auf die Beartooth Mountains vorstellen. Immerhin blies uns ein kräftiger Rückenwind ganz schnell durch die Prärie nach Cody. Von dort ging es über den Osteingang in den Yellowstone Nationalpark zurück. Das vom Rauch getrübte Licht sorgte über dem Yellowstone Lake und im Grand Canyon für eine bedrückende Endzeitstimmung. Abendliche Gewitter besserten die Sicht und zauberten bedrohliche Wolkentürme an den Himmel. Dummerweise hatten wir für die Besichtigung des Geysirbeckens unsere Taschen mitsamt der Regenkleider auf dem Campingplatz zurückgelassen und wurden vom Gewitterregen komplett durchnässt. Danke Eric, dass wir uns am Abend an deinem Lagerfeuer aufwärmen und unterhalten durften!

Obwohl wir den Yellowstone vor einigen Jahren schon einmal besucht hatten, verblüfften uns die farbigen Geysirbecken und wie es überall aus dem Boden dampfte, zischte, brodelte, spritzte und stank. Natürlich faszinierten uns auch die Bisons, die seelenruhig grunzend die Strasse überquerten und für lange Staus sorgten. Nach insgesamt fünf Tagen verliessen wir den Park in Richtung Süden, wo sich der Grand Teton Nationalpark anschliesst. Wetterbedingt verzichteten wir auf die geplante Wanderung in den Tetons und begnügten uns mit der Aussicht auf die imposante Bergkette von der Strasse aus. Auch nicht schlecht!

Über den panoramareichen Togwotee Pass gelangten wir in Dörfchen Dubois (ausgesprochen «Dew-Boys»😊), welches wunderschön am Fusse farbiger Badlands liegt. Wir hatten hier flaches Ödland erwartet und waren total überrascht von der eindrücklichen Landschaft. Ebenfalls sehr erfreulich an Dubois ist, dass Velofahrer und Wanderer dort im Gesellschaftsraum der Episcopal Kirche und Clublokal der Kiwanis kostenlos übernachten dürfen. Es gibt sie eben doch, die Nächstenliebe, obwohl wir ihr mehrheitlich konfessionslos begegnen.

Nur noch zwei Fahrtage trennten uns von Lander, unserem aktuellen Aufenthaltsort. Das Städtchen hat uns heute Nachmittag unglaublich herzlich empfangen. Weil gestern Davids Schaltkabel gerissen ist, mussten wir in einem Veloladen einen Ersatz besorgen. Wie Biomärkte scheinen auch Veloläden wohltuende Oasen des Liberalismus zu sein! Der kompetente Mechaniker versorgte uns nicht nur mit den gesuchten Kabeln, sondern offerierte uns auch Glace (das gehört für Tourenfahrer im Geschäft zum Service) und dankte uns für unsere Reise durch die USA. Ihm war sehr wichtig zu betonen, dass viele Amerikaner mit dem aktuellen Geschehen nicht einverstanden seien und sich Sorgen um die Zukunft machten.

Später fuhren wir zur Bibliothek, um an diesem Beitrag zu arbeiten. Als sich deren Türen schlossen, setzten wir uns draussen auf die Sitzbank und tippten weiter. Da kam ein älterer Mann auf uns zu und fragte, ob wir Interesse an einer Mahlzeit hätten. Klar, immer😊. Soeben brachte er uns zwei Behälter mit Lasagne, Chips und einer Pflaume, die irgendwo gratis ausgegeben wurden. Es scheint, als würden wir noch etwas in Lander bleiben. Im Stadtpark dürfen wir nämlich auch umsonst campieren.

Unsere Recherche zum tödlichen Bärenunfall in Ovando

Durch nicht bärensicheres Aufbewahren des Abfalls gewöhnte sich ein Grizzlybär bei Ovando ans Essen der Menschen. Er verlor seine Scheu und attackierte auf seiner Nahrungssuche im Dorf das Zelt einer Velofahrerin, die Lebensmittel bei sich aufbewahrt hatte. In den Nationalparks Nordamerikas gibt es den Slogan «A fed bear is a dead bear». Bären kommen bis zu zwei Jahre lang an Orte zurück, an denen sie Essen gefunden haben. Dadurch werden sie zu gefährlichen Problembären und müssen abgeschossen werden. Seit dem Todesfall gibt es in Ovando bärensichere Abfalleimer und Aufbewahrungsboxen, eine Ausnahme in Montana.