meter
meter
Pannen
Zelt
ohne Dusche
>50% Sonne
Schokolade
Drei Wochen Baja California
… versprachen viel Sonnenschein, sommerliche Temperaturen, Rückenwind und Trockenheit. Doch davon war erst einmal nichts zu spüren…

«Mi casa es tu casa», hatte unser toller Gastgebers Carlos in Tecate schon bei Ankunft betont. So durften wir sein Haus auch unseres nennen, bis eine Regenfront ausgestanden war. Zwei Nächte und einen Tag schüttete es fast ununterbrochen wie aus Kübeln, sodass uns weder die bisher besten Muffins Nordamerikas noch das Gratisbier in der Tecate-Brauerei nach draussen locken konnten. David setzte einzig ein paar Schritte vor die Tür, um an der Ecke die leckeren Fischtacos fürs Zmittag zu holen. Ich bewegte mich nur vom Tisch zum Sofa, denn am Abend schauten wir mit unseren Gastgebern den Pixar-Animationsfilm Coco an. Auf sehr herzige Weise brachte er uns näher, wie der Día de Muertos in Mexiko gefeiert wird. Wir hätten uns keinen gemütlicheren und passenderen Einstieg für unsere Zeit in Mexiko wünschen können. Vielen herzlichen Dank, Carlos, Yaneli und Chihuahua-Hündin Nina! Gut eingestimmt und mit einem mexikanischen Frühstück verpflegt, machten wir uns zwei Tage später als vorgesehen auf die Fahrt in Richtung Süden.
Kaum hatten wir Tecate und seine Vororte verlassen, überquerte ein älterer Herr die Strasse und reichte uns in einem Plastikbeutel vier warme Burritos. Wie hatte er uns erspäht und so spontan einen Snack für uns bereit?! Es steht wohl nicht in den Reiseempfehlungen für Mexiko, dass man Essen eines Wildfremden entgegennehmen und genüsslich verspeisen sollte. Wir taten es trotzdem😊. Und es waren bis heute die besten Burritos, die wir hatten.

Die Nacht unseres ersten Fahrtags verbrachten wir gemäss Carlos’ Empfehlung bei der Feuerwehr. Die Bomberos sind hierzulande vertrauenswürdige Freunde und Helfer, die Velofahrern nach Möglichkeit einen Unterschlupf bieten. Vom Feuerwehrmagazin war es nicht mehr weit bis in die Hafenstadt Ensenada, für uns eigentlich bloss ein gelungener Mittagshalt am Fischtaco-Stand. Als wir aus dem Stadtgebiet in die Hügel hochkletterten, kündigte sich bereits der nächste Regen an. Oh man, wir hatten wirklich keine Lust, unser Zelt irgendwo im Dreck am Strassenrand aufzustellen und fuhren weiter und weiter bis an eine Tankstelle. Wir erhofften uns dort ein Dach über dem Kopf oder zumindest ein trockenes Plätzchen zum Kochen. Auf unsere einstudierte Frage, ob es hier eine Möglichkeit zum Zelten gäbe, antwortete eine freundliche Tankwartin mit einem Nein. An der Tankstelle sei es wegen den Lastwagen zu gefährlich, wir dürften aber gerne bei ihr zu Hause unter dem Vordach campieren. Aus Höflichkeit versuchten wir das Angebot kurz auszuschlagen, folgten dann aber sehr gerne dem Auto ihrer Arbeitskollegin, welche uns im Dunkeln den Weg zu unserem Schlafplatz wies. Wie war das nochmal mit den Reiseempfehlungen😉?

Während der Regen unaufhörlich aufs Blechdach prasselte, kochten wir vor dem Haus der Tankwartin unser Znacht und schliefen später tief und fest. Am Morgen hatte sich die sandige Dorfstrasse in ein Schlammbad verwandelt und wir waren froh, dass der Weg zurück auf den Asphalt kurz war. Wir befanden uns zwar immer noch auf der Wein- und Käseroute, sahen aber schon bald keine Reben mehr, sondern karges Weideland und vielfältige Kaktuswälder. In einem kleinen Restaurant an der Strasse wollten wir nur kurz ein spätes Zmittag essen. Doch wir mussten uns in sehr viel Geduld üben, bis die liebenswürdige Besitzerin uns nach einer Stunde endlich die enttäuschenden Burritos und Quesadillas servierte. Da es um 16:30 Uhr bereits dunkel wurde, war es nun zu spät für die Weiterfahrt und wir durften in ihrem Hinterhof übernachten. Dröhnende Musik weckte uns um 5 Uhr in der Früh, als ein weit entfernter Nachbar für eine halbe Stunde die Maximaleinstellung seiner Soundanlage testete🙄.

Apropos Geduld: Die Auto- und Lastwagenfahrer waren auf der Baja California so rücksichtsvoll und zuvorkommend wie zuletzt in Japan! Sogar die schweren LKWs bremsten ab und schlichen so lange hinter uns her bis es eine geeignete Strecke zum Überholen gab. Wow! Unglaublich geduldig waren die Menschen auch, wenn sie mit uns (oder wir mit ihnen) sprachen. Sie redeten extra langsam und deutlich und liessen unsere Sprachexperimente über sich ergehen😊. Viel Geduld war hingegen von uns gefragt, wenn im Supermarkt eine lange Kundenschlange mit prall gefüllten Einkaufswagen vor der einzigen geöffneten Kasse wartete und die Kassiererin die Artikel im 10-Sekunden-Takt scannte. Reklamieren tat niemand, alle nahmen sich die Zeit!

Zurück zum Reisebericht: Nach dem ungebetenen Weckkonzert brachte uns eine lange Abfahrt zum ersten Mal ans Meer von Cortez und in die Kleinstadt San Felipe. Hier füllten wir unsere Bäuche mit köstlichem Gebäck (Mexiko hat echt tolle Bäckereien!), unsere Flaschen mit Wasser (Filteranlagen gibt es in jedem Dorf) und unsere Taschen mit einigen Lebensmitteln. Auf den bevorstehenden Etappen war nämlich wenig Infrastruktur zu erwarten. In einem kleinen Weiler an der Küste hätten wir gerne die vorerst letzte Gelegenheit genutzt, ein mexikanisches Zmittag zu essen. Doch die Preise und das auf die Bedürfnisse der vielen hier überwinternden Amerikaner und Kanadier ausgerichtete Menü vermochte uns derart nicht zu begeistern, dass wir lieber Tortillas, Bohnenmus und Käse aus unseren Vorräten vertilgten bevor uns die Lust auf einen Kaffee ins hübsch aufgemachte Lokal lockte. Und dies erwies sich als absoluter Glücksfall!
Wir kamen mit der amerikanischen Besitzerin und Powerfrau, die im Hintergrund das Restaurant schmiss, ins Gespräch. Als sie uns fragte, wie weit wir heute noch zu pedalieren gedenken, konnten wir keine genaue Angabe machen… bis wir irgendwo einen Zeltplatz finden. Ob wir Lust hätten, bei ihr zu übernachten? Sie wohne momentan allein in ihrem Strandhaus, die Betten seien frisch bezogen und warmes Wasser zum Duschen gäbe es auch. Hmmm, nach kurzer Rücksprache auf Berndeutsch gingen wir nur zu gerne auf diese verlockende Einladung ein. Umso mehr, weil für die kommenden Tage wieder viel Regen angekündigt war. Kaum zugesagt, durften wir es uns schon im Gästezimmer mit Meersicht und Strandzugang gemütlich machen. Der nächste Morgen startete mit einem farbenprächtigen Sonnenaufgang und eigentlich fühlte es sich komisch an, unter diesen Bedingungen nicht weiterzufahren. Als es nach dem Mittag zu regnen anfing und zwei Tage lang nicht mehr aufhörte, war alles wieder in Ordnung😊. Einmal mehr waren wir unglaublich froh und dankbar, einen Platz am Trockenen zu haben. Wobei ganz trocken war er nicht. Weil in dieser Region eigentlich nie Regen fällt, zeigten sich nach Jahren nun erstmals die Lecks im Dach und es tropfte überall von der Decke😊. Es war aber nicht nur unsere formidable Unterkunft, sondern vielmehr Lisas Gesellschaft, welche unsere Zwangspause so vergnüglich und einmalig machte. Ein riesengrosses Dankeschön an dieser Stelle!

Schon fast übermässig ausgeruht fuhren wir nach drei Nächten weiter, nun endlich bei Sonnenschein und Rückenwind! Der Blick zurück auf den Inselrücken zeigte verschneite Bergketten.
Dass wir so motiviert und voller Tatendrang waren, traf sich sehr gut. Denn obwohl die Distanzen zwischen den Versorgungsmöglichkeiten ziemlich gross waren, rollten wir so beschwingt, dass wir nie Wasser für mehrere Tage schleppen mussten. Die einzigen, die uns manchmal aufhielten, waren die riesigen Saguaro-Kakteen und viele andere spannende Gewächse. Wir stoppten häufig zum Fotografieren und verbrachten viele Zeltnächte sozusagen in einem botanischen Garten. Öde und eintönig wurde es vor und nach Guerrero Negro, wo wir während Tagen auf flacher, gerader Strasse einer Stromleitung folgten. Die Oase der Mission San Ignacio war danach eine angenehme Abwechslung. Mit jedem Tag, den wir weiter in Richtung Süden vorstiessen, wurde das Klima etwas feuchter. Oje, musste es wirklich schon jetzt tropisch werden?! Aber nein, wir wollen uns (noch) nicht über unsere schweissgetränkten Oberteile beklagen, denn in absehbarer Zeit wird es sehr viel heisser und feuchter werden😉.


Ein Sternchen auf unserer Landkarte, westlich der Ortschaft Loreto weckte unser Interesse, San Javier stand dabei. Im Reiseführer wurde darüber kaum ein Wort verloren, was die Sache noch spannender machte. Zudem liess sich die Asphaltstrasse dorthin mit einer anschliessenden Sandpiste zu einer sinnvollen Route kombinieren. Ohne lange zu zögern, folgten wir in Loreto den Wegweisern nach San Javier. Eine teilweise (zu) steile Strasse führte uns ins kleine Dörfchen mit der ältesten Missionskirche der Baja California hinauf. Gut, dass uns der Verkäufer an einem Kaffeestand in Loreto darauf aufmerksam gemacht hatte, dass am nächsten Tag in San Javier ein grosses, dreitägiges Fest mit sehr vielen Gästen beginnen würde. Entsprechend wurden wir auf der Anfahrt von unzähligen, teilweise mit dem halben Haushalt beladenen, Pick-ups überholt. Als wir das Dörfchen erreichten, waren seine Strassen bereits mit Marktständen gesäumt und jeder verfügbare Platz zum Campieren oder Parken genutzt. Obwohl es bald dunkel wurde und besonders das Essensangebot verlockend aussah, wollten wir auf keinen Fall im Dorf bleiben, denn hier hätten wir in der Nacht ganz bestimmt kein Auge zugemacht. Also absolvierten wir die ersten Kilometer auf der weiterführenden Sandpiste und stellten unser Zelt im Gebüsch auf.

In weiser Voraussicht, dass uns eine staubige, verkehrsreiche Fahrt bevorstand, pedalierten wir am nächsten Morgen früh los. Anfänglich war es noch ruhig und wir begegneten lediglich einigen Fussgängern… mitten im Nirgendwo! Auf der sandigen Piste kamen wir nur langsam vorwärts und freuten uns sehr, dass wir uns nach zehn Kilometern (und über einer Stunde Fahrzeit) bei einer Ranch völlig überraschend mit Kaffee und Empanadas (leckere gefüllte Teigtaschen, hier mit Ziegenkäse 😋) stärken konnten. Fast im Minutentakt kamen nun Reiter und deren Begleitfahrzeuge mit Pferdeanhängern an. Die Stimmung war so fröhlich und entspannt, dass auch ich den bevorstehenden 60 Pistenkilometern allmählich positiver entgegensah. Ich hatte überhaupt keinen Grund, mich über den feinen Sandstaub zu ärgern, wenn doch mehr als 100 Fussgänger und 500 Reiter drei Tage lang auf dieser Strasse zur Grande Fiesta nach San Javier pilgerten. Nach der wohltuenden Kaffeepause setzten wir unsere staubige Fahrt fort und genossen das bunte Treiben richtiggehend. Unvorstellbar, wie so viele Menschen, Pferde und Fahrzeuge im bereits gefüllten San Javier Platz finden konnten! Scheints kamen insgesamt 10’000 Besucher zum Feiern ins 155 Seelendorf San Javier.
Am Nachmittag kam uns immer seltener Verkehr entgegen, was aber nicht bedeutete, dass wir weniger eingestaubt wurden. Sechs Stunden verbrachten wir fluchend, holpernd und manchmal durch den Sand schiebend auf der Piste bis wir endlich die Asphaltstrasse erreichten. Meine Laune war vorübergehend so sauer wie die Beine, beides erholte sich nun aber schnell.


Beim Kaffee am nächsten Morgen in Ciudad Insurgentes war der gröbste Staub abgewaschen oder -geklopft und die Strapazen schon vergessen. Uns trennten jetzt nur noch drei Tagesetappen und eine letzte Überquerung der Halbinsel von unserem Ziel in La Paz. Es war eine wenig spektakuläre Strecke entlang von Stromleitungen und unter bedecktem Himmel. Seltene Dörfchen oder einzelne Restaurants bestimmten unseren Pausenrhythmus und gaben vor, wo wir übernachten konnten. Denn wegen den vielen Zäunen war Wildzelten im Busch nicht so einfach. Geschlafen hätten wir dort allerdings besser als hinter einem Restaurant. LKWs, welche die ganze Nacht mit Motorbremse durchs Dorf donnerten, erinnerten uns daran, dass wir in der Nähe einer Hauptstrasse selten gut schlafen. Tja…

Nicht erinnert werden mussten wir daran, dass vorhergesagter Niederschlag auf der Baja California ernst zu nehmen ist. Pünktlich vor der nächsten Regenfront erreichten wir die Stadt La Paz, wo wir erstmals seit anderthalb Jahren (damals auf Bali) eine Unterkunft gebucht hatten. Zum Glück, es goss nämlich die ganze Nacht ohne Unterbruch.
Die Entscheidung, ob wir von La Paz aus direkt die Fähre aufs Festland nehmen oder noch eine Rundfahrt an die Südspitze der Baja California machen sollten, überliessen wir der Verfügbarkeit von Tickets fürs Schiff. Wider Erwarten beantwortete die Fährgesellschaft unsere Reservierungsanfrage per E-Mail umgehend und sicherte uns einen Platz auf der nächsten Frachtfähre zu. Prima, so hatten wir keine Zeit, das anscheinend primär von reichen Amerikanern und ihren achtzehn Golfplätzen (in der Wüste!) besiedelte südliche Kap der Baja California zu besuchen. Darüber waren wir ehrlich gesagt gar nicht traurig.

Obwohl es heute Morgen noch heftig regnete, hatten wir keine andere Wahl, als unser trockenes Zimmer zu verlassen, in einer Cafebude auf besseres Wetter zu warten und schliesslich während einer Regenpause zum Fährhafen zu pedalieren. Hier war alles unerwartet gut organisiert und klappte hervorragend. Wir konnten unsere Tickets kaufen, eine Stunde vor Abfahrt auf Deck rollen und neben all den Chauffeuren ein richtig leckeres Znacht geniessen (im Preis inbegriffen). Abgesehen von Robert und Delaney aus Alaska, die mit ihrem Jeep in Richtung Südamerika unterwegs sind, reisen keine anderen Touristen mit dieser Fähre und schon gar keine Frauen. Wen wunderts, dass es momentan im Schlafraum auf den Sesseln vor uns laut schnarcht und stöhnt?! Statt mich darüber zu ärgern, nutze ich die schlaflose Nacht, um diesen Bericht vorzubereiten. Die Fähre bringt uns währenddessen ruhig (was den Wellengang betrifft😉) in Richtung mexikanisches Festland.

Ein Zwischenfazit zu Mexiko: Nette Leute, eine fröhliche Stimmung, rücksichtsvolle Autofahrer und leckeres Essen machten es uns einfach, uns schnell an die weniger schönen Seiten wie den vielen Abfall, bellende Hunde, mittelmässige Hygiene und schlechtes Leitungswasser zu gewöhnen. Kurz: es gefällt uns!
























































































Immer wieder spannende Reiseberichte und so viele Erfahrungen mit eurem 🚲
Weiter viel Spass! 👍👋
Danke euch! So toll, dass ihr unsere Berichte noch immer lest! Feliz Navidad🎅
Tolle eindrücke von eure Einstieg in Mexiko. Wir sind froh zu lesen dass es euch gut geht. Gute und sichete weiterfahrt und hoffentlich bis bald😃
Merci, fährt auch gut & sicher. Uns graut es noch bitzli vor dem tropischen Klima🥵, welches ihr schon habt… Stay cool😎
Unglaublich, eure Reise – Es geht schon gegen 100000km! Wir warten immer gespannt auf eure Berichte und staunen jedes Mal wieder auf‘s Neue!
Liebe Grüsse aus (dem auch sehr regnerischen) Griechenland!
Wir warten auch gespannt auf euren Bericht! Wo seid ihr? Weihnachten zu Hause? Kilometer sagen nichts, was zählt und bleibt sind die Erlebnisse und Begegnungen. Machts gut😘
Wir sind nun in Norditalien, fahren aber noch Richtung Ligurien und Côte d’Azur, bevor wir zurück in die Schweiz fahren. Wir sind aber schon am Schauen, ob wir von der Schweiz aus noch weiter fahren… Wir haben beide das Gefühl, dass es noch nicht ganz vorbei sein kann 😀
Liebe Grüsse, ä guete Rutsch und häbet Sorg!
Das klingt gut! Geniesst eure Reise und hält euch warm! Wir sind auf alle Fälle gespannt, wie ihr euch entscheidet und wohin es (vielleicht) weitergeht. Macht’s gut!
Hihi Hände hoch!
Tolle Bilder von den Kakteen🤗
Ja gell, die sind toll?!🌵
Ich finde eure Reise genial. Jeder Bericht ist spannend zu lesen und macht Lust selbst aufzubrechen. Ich wünsche euch weiterhin ganz gute Fahrt und freue mich auf den nächsten Bericht.
Danke dir, deine Worte freuen uns sehr! Schön, wenn nicht alle fragen, wann wir endlich heimkommen, sondern uns Mut machen zum Weitertschaupe🚲🚲