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Pannen
Zelt
ohne Dusche
>50% Sonne
Schokolade
Über heisses Pflaster nach Guadalajara
Die Sonne wärmte schon kräftig, als wir pünktlich um 10 Uhr morgens mit der Fähre in Mazatlán anlegten.

In der hübschen Altstadt herrschte entspannte Ferienstimmung, abends spielte Musik auf dem Hauptplatz und herausgeputzte Menschen flanierten durch die Gassen. Mittendrin lag unsere ruhige Unterkunft, ein echter Glücksgriff. Es gefiel uns so gut, dass wir unseren Aufenthalt gleich bei Ankunft um eine Nacht verlängerten. Mit Schlafen, Essen und Schlendern vergingen die Tage wie im Flug und es wurde schnell Zeit, die geschützte Blase zu verlassen. Wir wollten der feuchten Hitze in Meeresnähe entfliehen und ins auf ca. 2’000 Meter über Meer liegende Durango fahren. Dies war auch der kürzeste Weg aus der krisengeplagten Provinz Sinaloa.
Die staubige Stadtausfahrt war nicht besonders schön, aber der Verkehr war sehr zivilisiert und in allen Vororten sahen wir Frauen und Schulkinder alleine auf der Strasse. Entsprechend hatten wir keine Sicherheitsbedenken und erreichten nach kurzer Fahrt die erste grössere Ortschaft Villa Unión. Das Dorf hatte die Attraktivität eines Verkehrsknotenpunkts und die Vermisstmeldungen von jungen Männern an den Pfosten im Park liessen erahnen, dass der morgendliche Frieden trügerisch sein könnte.

Selbstverständlich hatten wir uns im Voraus über die Sicherheitslage in der Region informiert unde fragten zudem vor Ort, ob unsere vorgesehene Route auf der alten Strasse Nr. 40 nach Durango eine gute Idee sei. Auf einem kurzen Stück zu Beginn der Strecke gäbe es manchmal Probleme aber wir Touristen seien sicher: no pasa nada… passiert schon nichts. Mit gutem Gefühl fuhren wir los, ein Militärcheckpoint und später ein Konvoi von Militärfahrzeugen suggerierten uns Sicherheit. Unser Plan war, die heisse Zone schnell hinter uns zu bringen und danach im Dorf Copala zu übernachten. Wir hatten gelesen, dass man dort bei einem Restaurant lecker essen und kostenlos zelten konnte. Unsere Enttäuschung war gross, als wir das Restaurant zunächst nicht fanden (es war umgezogen) und es dann auch noch geschlossen war. Gegen Abend füllte sich das kleine Dörfchen mit Arbeitern in orangen Overalls oder Leuchtwesten, denn eine Minengesellschaft exploriert die Gold- und Silbervorkommen der Region und bringt ihre Leute in Copala unter. Alles war in bester Ordnung und wir durften unser Zelt mitten auf dem Dorfplatz aufbauen.

Am nächsten Tag kletterten wir weiter durch den subtropischen Wald hinauf. Mit wenig Verkehr war es eine angenehme Fahrt… aber so spektakulär, wie sie andere Velofahrer beschrieben hatten, fanden wir sie nicht. In einem kleinen, ziemlich ausgestorbenen Strassendörfchen durften wir uns an den Esstisch einer Familie setzen, während die Oma Rühreier, Bohnenmus und Tortillas für unser Znüni zubereitete. Auf der Karte war ihr Haus noch als Restaurant eingezeichnet. Dummerweise überdeckt ein neuer Anstrich die Anschrift😊. Gestärkt schraubten wir uns weiter den Berg hinauf bis in die vermeintlich grössere Ortschaft El Palmito. Eigentlich hatten wir uns auf Burritos zum Zmittag gefreut, doch alle Essensstände waren verfallen und der einzige funktionierende hatte zu. Aus dem Fenster eines Kiosks konnten wir immerhin eine Cola kaufen und unser Picnic damit versüssen. Es war aussergewöhnlich ruhig und menschenleer, niemand war auf den Beinen. Selbst der Gitterzaun des einzigen Hotels war geschlossen. Dahinter sass jedoch die Besitzerin, welche uns später einen Kaffee servierte. Eigentlich wollten wir am Nachmittag noch etwas weiter fahren, aber wir sassen so gemütlich auf der sonnigen Terrasse. Als die Dame uns fragte, ob wir in ihrem Garten zelten möchten, nahmen wir dieses Angebot sehr gerne an. Am Abend kochte sie uns auf dem Holzherd ein Znacht, welches wir zwischen den Wäschebergen an ihrem Küchentisch genossen. Was für ein toller Platz, an dem wir wieder gelandet waren!

Merkwürdigerweise schnüffelte mitten in der Nacht ein grosser Husky um unser Zelt herum. Wie war der Hund in den komplett umzäunten Hinterhof gelangt? Irgendwas ging vor, denn überall bellten aufgebrauchte Hunde, ab und zu war ein Motorengeräusch zu hören, dazwischen beunruhigende Stille. Uns beiden klopfte das Herz in den Hals. Wir versuchten uns einzureden, dass alles ganz normal sein könnte und erinnerten uns an die vielen anderen Nächte mit harmlosem Hundegebell. Irgendwann legten sich die Geräusche, David schlief noch ein paar Stunden, ich weniger… jemand muss ja aufpassen😆! In der Morgensonne war dann alles friedlich, das Dorf wie bereits am Vortag menschenleer. Wir waren froh, als wir den seltsamen Ort verliessen.

Bereits nach wenigen Kilometern durften wir wieder in der einfachen Küche eines «Restaurants» Platz nehmen und unser zweites Frühstück geniessen. Nun wurde endlich auch die Route richtig schön und führte in unzähligen Kurven über den Espinazo del Diablo (Rückgrat des Teufels), der eine eindrückliche Aussicht bot. Vor dem Mittag hatten wir den Aufstieg auf 2’600 Meter geschafft und wir kamen im geschäftigen Dorf La Ciudad an. Das beklemmende Gefühl des letzten Tages war vergessen. Vergnügte Menschen, viel Betrieb, leckere Gorditas und ein amüsanter Nationalpark, der sich um ein Rinnsal eines Wasserfalls herum erstreckte, heiterten uns endgültig auf.

Auch am nächsten Tag ging es auf der Strasse heiter zu. Die ersten Vorboten waren morgens um 5 Uhr Trillerpfeifen, Musik, Fahrzeugsirenen und Hupen. Was es damit auf sich hatte, realisierten wir nach und nach. Es war der 12. Dezember, der Jahrestag der Jungfrau von Guadalupe, die als Schutzheilige von Mexiko gilt. Zu ihren Ehren waren den ganzen Tag unzählige Staffelläufergruppen mit ihren Begleitfahrzeugen unterwegs. Sie trugen ihre (nicht brennenden) Fackeln in zwei Tagen bis zu 400 Kilometer weit. Alle rannten in die uns entgegengesetzte Richtung nach El Salto, wo am Abend gross gefeiert wurde. Zum Glück hatten wir nicht vor, dort zu übernachten😊. Stattdessen schlugen wir unser Zelt etwa zwei Velostunden vor der Stadt Durango auf, wo wir am Morgen bei -4°C aufwachten. Brrr… so kalt hatten wir’s auf der ganzen Reise noch nie! Die Sonne heizte aber schnell auf, sodass wir uns am Mittag auf dem lebhaften Stadtplatz von Durango bereits wieder ein Schattenplätzchen suchten. In der sympathischen Stadt voller Schuhgeschäfte, Ledergürtel und Cowboyhüte hatten wir zwei Pausentage vorgesehen. Daraus wurden allerdings drei, denn als wir am zweiten Abend in unserer Unterkunft sassen, gesellte sich der britische Velofahrer David mit schlechten Neuigkeiten zu uns…


Ob wir über die alte Strasse Nr.40 hier hochgeradelt seien? Er sei einen Tag nach uns auf derselben Strecke unterwegs gewesen, Einheimische hätten ihm von uns erzählt. Anstelle des Militärcheckpoints habe er jedoch bewaffnete junge Männer eines Drogenkartells angetroffen. Aus Dorfgesprächen vernahm er, dass die auffälligen Jeep Wrangler Rubicon in dieser armen Gegend kein gutes Zeichen waren und dass die wenigen Restaurants nicht zufällig zugemacht hatten. Als ihm auf offener Strasse Jungs mit vollautomatischen Waffen Heroin zum Kauf anboten und etwas entfernt ein Gefecht zwischen den Kartellen losging, hatte er genug und nahm den nächstmöglichen Bus nach Durango. Eine schaurige, aber sehr glaubwürdige Geschichte, die so manches, was wir gesehen und erlebt hatten, besser erklärte. Was dieser David ausserdem berichtete war, dass ein Dorf auf unserer vorgesehenen Route auch unsicher sei. Läck… dies waren etwas viele unbequeme Nachrichten um 22 Uhr abends vor der geplanten Weiterfahrt. Wir erinnerten uns an den Ratschlag einer Weitwanderin, Entscheidungen nicht zu überstürzen, sondern lieber ein schönes Zimmer zu nehmen, gut zu schlafen und zu essen und dann erneut zu urteilen. Und so taten wir es auch. Wir buchten eine weitere Nacht in unserer Unterkunft, um in Ruhe die nächsten Schritte zu planen.
Mein David suchte lange im Internet nach Berichten über den hier herrschenden Drogenkrieg. Viel war jedoch nicht in Erfahrung zu bringen, denn mehr als nüchterne Pressemitteilungen darüber zu schreiben, ist ein grosses Risiko. Dass die Drogenkartelle Mexiko beherrschen, ist kein Geheimnis. Es gibt sogar Karten, die ihre Hoheitsgebiete abbilden. Problematisch wird es dort, wo verschiedene Kartelle um die Vormacht kämpfen. Dies ist momentan unter anderem im südlichen Bundesstaat Sinaloa sowie in Durango der Fall. Ein Grund für die Ausschreitungen dürfte sein, dass kürzlich wichtige Personen des mächtigen Sinaloa Kartells gefasst wurden und das südlich angrenzende Cártel de Jalisco Nueva Generación nun seine Einflussbereiche vergrössern will. Weil sich die beiden bekriegen, bilden sich dazwischen vermehrt kleine Gangs, die auf eigene Faust mitmischen. Soweit unsere Recherchen. Mehr zum Thema gibt es in dieser spannenden Audioreportage von SRF International zu hören.
Obwohl Kartelle eigentlich keine Touristen behelligen, war für mich schnell klar, dass wir Durango mit dem Bus verlassen mussten und David liess sich davon leicht überzeugen. So spazierten wir an unserem zusätzlichen Pausentag zum Busbahnhof und informierten uns über Tickets und Velomitnahme. Beruhigt kamen wir am nächsten Morgen früh mit den beladenen Velos zurück und sassen schon bald im Bus, welcher uns über die Autobahn in vier Stunden bequem dorthin brachte, wo wir fünf Tage zuvor gestartet waren: Villa Unión.

Wie Polizei, Feuerwehr, Lastwagen- und Velofahrer bestätigten, war von hier aus der sicherste Weg die Maut-Autobahn. Vom riesigen Veloverbot auf der Einfahrt liessen wir uns nicht beeindrucken und pedalierten los. Zu beachten galt es nur, dass wir an den Zahlstationen nicht über die Sensorstreifen fuhren. Das freundliche Personal wies uns jeweils den Weg übers Trottoir😊. Die erste kurze Autobahnetappe führte uns bis ins Dorf El Rosario, wo wir bei der Feuerwehr unterkamen. Am nächsten Morgen hatten wir erst etwa zehn Kilometer auf der Autobahn zurückgelegt, als am Horizont dichte Rauchwolken aufstiegen. Als wir näherkamen, sahen wir, dass mehrere Lastwagen quer über die Fahrbahn standen. Erst jetzt realisierten wir, dass es abgesehen von ein paar wendenden Lastwagen gar keinen Verkehr mehr gab. Die Fahrer signalisierten uns mit Lichthupen und Handzeichen, dass wir schleunigst umkehren sollten. In Windeseile rasten wir zur Autobahnauffahrt bei El Rosario zurück, wo sich hunderte von Lastwagen, Bussen und Autos stauten. Die Autobahn war gesperrt.

Die Stimmung unter den Wartenden war entspannt und gelassen, wir fühlten uns in der Menge gut aufgehoben. Es sprach sich herum, dass sich der Kartellstreit um das Dorf Escuinapa nun auf der Autobahn abgespielt hatte. Erst nach mehr als einer Stunde, zischten nach und nach Polizei, Nationalgarde, Marinesoldaten und später mehrere LKW-Abschleppfahrzeuge an uns vorbei. Als sich auch am Nachmittag nichts bewegte, kehrten wir ins Dorf zurück, wo der Alltag seinen normalen Gang nahm. Erst gegen Abend fanden wir im Internet knappe Meldungen über die Autobahnsperre und mindestens drei Todesopfer. Die Feuerwehrleute freuten sich, uns wiederzusehen und uns für die Nacht Unterschlupf zu gewähren, wobei die Gemüter nun spürbar angespannt waren. Glücklicherweise sorgte ein tosendes Konzert in der Nachbarschaft für etwas Ablenkung.
Am Morgen danach versicherte uns der Feuerwehrkommandant, dass die Autobahn wieder offen und ahorita – jetzt gerade – sicher sei. Schleunigst machten wir uns auf den Weg, um schnell durchs Konfliktgebiet zu kommen. Abgesehen von zwei ausgebrannten Lastwagen war von den Kämpfen nichts zu sehen. Wie die Lastwagenfahrer waren auch wir erleichtert, als wir diesen Abschnitt hinter uns gebracht hatten.

Es folgten vier ziemlich ereignislose Fahrtage auf dem guten Seitenstreifen der Autobahn. Uns war es recht so. Langsam gewannen wir wieder an Höhe, was das Klima wesentlich angenehmer machte. Bei Jala war es an der Zeit, die Autobahn zu verlassen, uns das hübsche Dörfchen anzuschauen und ein kulturelles Versäumnis nachzuholen: Wir kosteten Aguachile und Ceviche, zwei Gerichte aus rohen Meeresfrüchten. Jala und seine Nachbardörfer tragen alle den Titel des Pueblo Mágico, was bedeutet, dass sie auf irgendeine Weise besonders sehenswert sind. Dies gilt auch für Tequila, welches primär für seinen Schnaps und die Agavenfelder bekannt ist. Obwohl uns beiden gebranntes Wasser nicht schmeckt, besuchten wir eine kleine Destillerie und liessen uns auf einer spannenden Tour den Herstellungsprozess von Tequila zeigen. Auf die abschliessende Degustation wollten wir trotzdem nicht verzichten. Aber ganz ehrlich: für mich schmeckte selbst guter Tequila bloss nach Alkohol.

Eine Tagesetappe lag noch zwischen uns und Guadalajara, der zweitgrössten Stadt Mexikos. Die Fahrt dorthin war erstaunlich angenehm. Nur bei einem Autobahnkreuz waren wir auf die Rücksichtnahme der Autofahrer angewiesen😉. Kaum hatten wir dieses hinter uns, befanden wir uns auf den ausgezeichneten Velowegen, welchen wir fast bis zum Zuhause unseres Warmshower-Gastgebers Markus und seiner Familie folgten. Hier geht es uns richtig gut, wir wohnen im schönsten Zimmer des Hauses und wurden mit einem Schweizer Fondue empfangen! Vielen herzlichen Dank dafür! Zudem durften wir unsere neuen, besseren Ohropax in Empfang nehmen, die wir im Ausland bestellen mussten. Mögen sie uns im lauten Mexiko ruhige Nächte bescheren!












































































































