Zum ersten Mal seit Reisebeginn waren wir an Weihnachten nicht irgendwo auf der Strasse, sondern durften die Feiertage mit Markus und seiner Familie in Guadalajara verbringen.

Ganz selbstverständlich wurden wir zum Festessen mit seinen Schwiegereltern, Schwägerinnen, Nichten und Neffen eingeladen, worüber wir uns sehr freuten. Bei uns kam in Guadalajara deswegen trotzdem keine Weihnachtsstimmung auf, dazu war das Wetter viel zu warm und zu schön😉. Aber wir genossen das gesellige Beisammensein beim reichhaltigen Buffet sehr. Vielen herzlichen Dank Markus, dass ihr uns über die Festtage beherbergt habt! Die restliche Zeit in Guadalajara verging mit Stadtbummeln, Kaffeetrinken und viel Essen sehr schnell, sodass wir uns schon bald verabschieden mussten und aufs Velo stiegen.

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Auf der Stadtausfahrt besichtigten wir die hübschen Pueblos Mágicos Tlaquepaque und Tonalá, die heute Vororte von Guadalajara sind. So benötigten wir einen ganzen Tag, um das Siedlungsgebiet zu verlassen. Abends zelteten wir mit anderen Leuten an einem Stausee und es dauerte nicht lange, bis wir neugierigen Kindern Rede und Antwort stehen mussten. Woher? Wieso? Warum? Wie funktioniert der Kocher? Wie sieht das Zelt aus? Wir gaben geduldig Auskunft und konnten mit ihnen unser Spanisch üben.

Zunächst fuhren wir über die Autobahn, später auf der Landstrasse und dann wieder auf einer verkehrsreichen, mehrspurigen Hauptstrasse um die Industriestadt Léon herum. Für den letzten Streckenabschnitt nach Guanajuato hatten wir uns eine gepflasterte Bergstrasse zur Jesusstatue Cristo Rey ausgesucht. Wir hatten gelesen, dass man bei der Statue oben auf dem Hügel mit toller Aussicht übernachten könnte und das war unser Plan. Doch Gegenwind, Verkehr, Lärm und Smog hatten uns so müde gemacht, dass wir am Abend noch vor dem Aufstieg einen Schlafplatz suchten. Diesen fanden wir in einem privaten Innenhof neben öffentlichen Toiletten. Draussen zogen unaufhörlich Pilger und ihre Begleitfahrzeuge mit dröhnenden Lautsprechern vorbei. Cristo Rey schien viele Besucher anzuziehen und wir dachten schon, dass wir auf dem Berg wahrscheinlich nicht (besonders gut) geschlafen hätten.

Die Menschenmassen, welche wir am nächsten Morgen antrafen, überstiegen unsere Vorstellungen allerdings bei Weitem. Die letzten Kurven auf dem Weg zur Statue waren mit Autos, Zelten und Menschen komplett verstopft. Selbst mit dem Velo gab es kein Durchkommen. All diese Leute hatten dem kalten Wind getrotzt und die Nacht irgendwie da oben ausgeharrt. Brrrr🥶 … aber feiern und pilgern tun die Mexikaner bei jeder Witterung und auch wenn es gerade kein spezielles Ereignis gibt. Dafür muss man sie einfach mögen😍!

Wir schauten dem Gewusel eine Weile amüsiert zu, bevor wir über die Pflastersteine nach Guanajuato hinunterholperten. Was wir dort antrafen, überstieg ebenfalls all unsere Erwartungen. Dank Velofahrerbonus durften wir im B&B von Billy und Ari kostenlos unterkommen und wurden erst noch jeden Morgen mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt. Billy hatte bei unserer Ankunft schon geahnt, dass wir länger bleiben würden als vorgesehen. Aus zwei Nächten wurden drei, da uns die Stadt und der Blick aufs farbige Häusermeer so ausserordentlich gut gefielen. So durften wir auch Silvester auf der Terrasse unserer Unterkunft mit wunderbarer Aussicht auf die Stadt geniessen. Wie herrlich! Nach einem schönen Abendessen mit Billy ging es für uns am 2. Januar weiter.

Bis ins nächste hübsche Pueblo Mágico San Miguel de Allende war es nicht weit. Wir hatten für die Strecke zwei Fahrtage einkalkuliert, was sehr grosszügig war. Denn unterwegs gab es weniger zu sehen als erwartet und der Veloweg ins Städtchen hinein war so unglaublich gut, dass wir schnell vorankamen. Um unseren Warmshower-Gastgeber nicht vorzeitig zu überraschen, legten wir bei einem Fussballfeld kurz vor San Miguel einen frühen Feierabend ein. Einige Kinder aus dem Dorf und zwei ihrer Mütter freuten sich darüber. So spannend ist nicht jeder Abend😊. Die Kinder konnten es kaum erwarten, unser Zelt zu sehen. Insbesondere der vorlauteste etwa vierjährige Junge, den wir wegen seines Pullis «John Deere» nannten, wunderte sich sehr, wo die Tür sei. Nach der Besichtigung war er fast nicht mehr aus dem Zelt zu bekommen und wollte es sich drinnen mit seinem Lego-Set gemütlich machen. Kaum war er draussen, wollte John Deere wissen, wozu das Sitzmätteli da sei. Ich war stolz, dass mir das spanische Wort für Stuhl in den Sinn kam und plumps, sass der Kleine neben mir. Was ich da koche? Spaghetti mit Tomatensauce und Gemüse. «Gut, wo ist mein Teller?» fragte er mit suchendem Blick. Wir mussten laut lachen, doch die Mama fand dies nun etwas zu aufdringlich und machte mit dem längst angekündigten Abschied ernst. Dazu gab uns John Deere eine herzhafte Umarmung😂. Nun konnten wir uns in Ruhe unserem Abendessen widmen.

Am nächsten Morgen trafen wir früh in San Miguel de Allende ein, besuchten die auf zahlungskräftiges Publikum ausgerichtete Kunstgalerie und holperten die sehr hübschen aber auch entsprechend touristischen Pflasterstein-Gassen auf und ab.  Nach dem Mittagessen fuhren wir zu unserem Gastgeber Terry, der in einem ruhigen Aussenquartier lebt. In seinem schönen Haus tauschten wir bei Wein und Essen den ganzen Abend Reisegeschichten aus und waren fasziniert davon, dass Terry sich mit 85 Jahren genauer an all seine Abenteuer erinnert, als wir es tun. Glücklich über die bereichernde Begegnung mit Terry machten wir vor der Weiterreise nochmals eine kleine Stadtrundfahrt und hatten damit kaum begonnen, als wir Michael antrafen. David war ihm bereits am Vortag begegnet und es dauerte nicht lange, bis wir mit ihm einen Kaffee genossen und den Vormittag verplauderten. Herzlichen Dank für die Einladung, Michael😊.

Nun ging es immerhin noch für einige Kilometer aufs Velo. So richtig ins Rollen kamen wir allerdings nicht. In Bernal, einem weiteren Pueblo Mágico, blieben wir bei den wohl leckersten Gorditas Mexikos und süssem Quarkbrot schon wieder einen halben Tag sitzen. Den Spaziergang an den Fuss der Peña de Bernal, dem Hausberg von Bernal, hätten wir uns sparen können. Die Sicht in den Smog im Einzugsgebiet von Mexiko-Stadt war nämlich alles andere als spektakulär.

Aber gegen etwas Verspätung sprach nichts, denn um grosse Besuchermassen zu vermeiden, wollten wir die Thermalquellen von Tolantongo keinesfalls am Dreikönigstag erreichen. Wunschgemäss war es weder ein Feiertag noch ein Wochenende, als wir in kurzer Zeit die 600 Höhenmeter und 23 Serpentinen zum heissen Fluss hinuntersausten. Laut inoffiziellen Informationen hätte es möglich sein sollen, ab 16:30 Uhr ein Eintrittsticket für den nächsten Tag zu erwerben und damit auf dem Gelände umsonst zu campieren. Die Wärter wollten davon nichts wissen und uns erst um 19 Uhr Einlass gewähren oder uns zwei Tagestickets verkaufen. Janu, wir setzten uns gemütlich auf die Wartebank und signalisierten, dass wir uns gedulden würden. Kaum hatten wir unsere E-Reader eingeschaltet, winkte uns der Wärter zu und gab uns Zutritt. Noch am gleichen Abend besuchten wir die Grotte, in welcher der heisse Fluss entspringt und sich mit dem kalten Wasser eines schönen Wasserfalls mischt. Sowohl in der Grotte als auch in den gestauten Becken des warmen Flusses kann man baden und sich am Ufer einen Zeltplatz suchen. Wegen der lauten Musik aus den Restaurants waren wir zum Schlafen froh um unsere neuen Ohropax. Sie wirkten Wunder!

Nach einer erholsamen Nacht statteten wir auch den künstlich angelegten, aber fotogenen Thermalbecken einen Besuch ab, bevor wir uns an den Wiederanstieg machten. Auf einer landschaftlich reizvollen Strecke fuhren wir während vier Tagen durch das fruchtbare Hochtal um Metztitlán und den waldigen El Chico Nationalpark zu den Pyramiden von Teotihuacán. Die mehrheitlich rekonstruierten Pyramiden und Stufentempel aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus vermochten uns nicht so richtig zu begeistern. Zu viel davon ist sichtbar nachgebaut.

Weil wir uns eine Fahrt durch Mexiko-Stadt ersparen wollten, führte uns David über mal asphaltierte, mal staubige Schleichwege in Richtung Osten dem Vulkan Malinche entgegen. Wir hatten kurz darüber nachgedacht, diesen zu besteigen. Sein mit Schnee gepuderter Gipfel und die ohnehin schon frostigen Morgentemperaturen reizten uns jedoch überhaupt nicht, sodass wir es vorzogen, auf der praktisch verkehrsfreien Strasse am Fusse des Vulkanes Richtung Puebla zu fahren, mit Aussicht aufs Lichtermeer zu zelten und morgens in den dichten Smog der Stadt einzutauchen.

Unser Aufenthalt in Puebla begann sehr amüsant: Als wir bei einem Einkaufszentrum unsere Velos parkieren wollen, um in einem Café an am Blog zu arbeiten, war das anwesende Sicherheitspersonal gefordert. Die Ausländer, welche kaum Spanisch sprechen, wollten ihre Velos abstellen aber – oh Schreck! – sie passten nicht zwischen die Fahrradhalter. Unser ursprüngliches Vorhaben, die Fahrräder einfach anzulehnen, wurde nach langer Beratung zwischen sechs Sicherheitsleuten als beste Lösung befunden. Und obwohl wir die Velos abschlossen und sie jederzeit im Blick hatten, wurden sie ständig von einer Person bewacht😂.

Wir erlösten den Sicherheitsmann nach etwa drei Stunden und machten uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Diese liegt ideal im historischen Stadtkern und verfügt über eine Dachterrasse. Prima, so konnten wir die alten Häuser mit ihren Kachelfassaden bequem zu Fuss besichtigen und unseren Velos etwas Aufmerksamkeit schenken. Heute wollten wir eigentlich weiterfahren aber weil ich gestern die Toilette hütete, bleiben wir noch eine Nacht länger. Die Unterkunft ist ausgebucht aber scheints soll ein sich noch im Bau befindliches Zimmer bis um 16 Uhr fertig sein. Mal schauen…🙃.