Das neue Zimmer unserer Unterkunft in Puebla wurde tatsächlich fertig, sodass wir die meiner Magenverstimmung geschuldete Zusatznacht darin verbringen konnten. Wie schon so oft waren wir überrascht, wie gut in Mexiko alles klappt!

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Unsere Abfahrt aus Puebla fiel auf einen Sonntagmorgen, was der perfekte Zeitpunkt war. Auf fast leeren Strassen überquerten wir einige Kreuzungen und fanden uns schon bald ganz entspannt auf der Autobahn wieder. Die ersten 120 Kilometer ging es erst einmal mehrheitlich abwärts. Danach war allerdings Schluss mit lustig. Über die Hauptstrasse 190 bewegten wir uns drei Tage lang kurvenreich unaufhörlich auf und ab. Obwohl wir das Gefühl hatten, viel Zeit im Sattel zu verbringen, kamen wir nur schleichend voran. Landschaftlich schön aber nicht spektakulär, kulinarisch lecker aber nicht ausgezeichnet, arbeiteten wir uns langsam durchs Hügelland in Richtung Oaxaca vor. Wir freuten uns auf eine Pause in der Stadt, welche uns wegen ihren Märkten, leckerem Essen und vielfältigem Kunsthandwerk empfohlen worden war.

Empfangen wurden wir allerdings mit dichtem Smog, ungewohnt hektischem Fahrstil und merkwürdig chaotischer Verkehrsführung. Der Weg zu unserer Unterkunft führte einmal quer durchs ganze Stadtgebiet in ein ruhiges Wohnquartier. Dort steppte überhaupt kein Bär und die geschäftigen Gassen der Altstadt lagen weit entfernt, aber wir hatten gerade nichts dagegen. Und am Essensangebot mangelte es auch in dieser Gegend nicht😊.

Während unseres Aufenthalts in Oaxaca wollten wir insbesondere einige umliegende Dörfer besuchen, welche jeweils für ein spezifisches Kunsthandwerk bekannt sind. In San Martín Tilcajete werden bunt bemalte Fabelwesen aus Holz, die Alebrijes, hergestellt, aus San Bartolo Coyotepec kommt schwarze Keramik und in Teotitlán de Valle werden Textilien und Teppiche gewoben. Unser Plan war, einen halbtägigen Ausflug in Richtung Süden zu unternehmen, um sowohl die Holzfiguren als auch die Keramik zu sehen. Selbst ohne Gepäck war die Fahrt im aggressiven Morgenverkehr mit seinen beissenden Abgaswolken ziemlich nervenaufreibend. Hoffentlich würden sich die Mühen lohnen!

Schon an der Abzweigung nach San Martín Tilcajete begannen die Ateliers und Verkaufsstände für die Alebrijes. In jedem Haus und an jeder Tür gab es die Tierchen zu kaufen. Zu allem Überfluss liessen wir uns in der wohl bekanntesten Werkstatt auch noch für eine Gratisführung fangen. Oje, waren wir wieder einmal in eine Touristenfalle getappt?! Vielleicht… aber es war interessant, die verschiedenen Schritte der Herstellung dieser kunstvollen Figuren und ihrer Farben zu sehen. Natürlich endete der Rundgang im Verkaufsraum, wo uns jedoch niemand übelnahm, dass wir nichts erworben. Inzwischen war es schon Mittag und wir wollten nur kurz ein paar andere Ateliers und die Verkaufsstände auf dem Dorfplatz auskundschaften, bevor wir uns auf die Rückfahrt machten. Eine gute Idee, aber so schnell ging das nicht… Mehrere Stunden später hatten wir zwei liebevoll bemalte Alebrijes einer bemerkenswerten Künstlerin im Rucksack und mussten damit schleunigst nach Oaxaca zurück pedalieren. Denn dort waren wir mit Tamara und Simon, zwei Veloreisenden aus der Schweiz, verabredet. Wir hatten sie schon in Puebla versetzt und liessen sie auch diesmal lange warten🙈. Entsprechend kurz fiel der Besuch in San Bartolo Coyotepec mit seinen vielen Keramikstudios aus. Egal, dafür genossen wir ein gemütliches Treffen mit Tamara und Simon und je eine heisse Trinkschokolade dazu.

Den nächsten Tag verbrachten wir auf den geschäftigen Märkten und waren am Abend erschöpfter als nach vielen Velokilometern. Es war also sozusagen Erholung, wieder an einem Sonntagmorgen aus der Stadt hinauszufahren. Im Weberdorf Teotitlán de Valle, welches an unserer Route lag, gefiel uns der lokale Markt besonders gut. In den unzähligen Teppichgeschäften mit unter anderen auch schönen Stücken, waren uns die Verkäufer etwas zu engagiert, man könnte es durchaus aufdringlich nennen. Ob das wohl am Teppichhandel liegt?! Nach einem weiteren lebhaften Sonntagsmarkt in Tlacolula waren wir froh, dass es auf der Strasse 190 wieder beschaulicher zuging.

Von 1’600 m.ü.M. fehlten uns nur noch ungefähr 2’500 Höhenmeter bis hinunter auf Meereshöhe🙃. Scheinbar habe der Spanische König im 16. Jahrhundert den Eroberer Hernán Cortés gefragt, wie Mexiko landschaftlich aussehe, worauf Cortés ein Blatt zerknitterte und sagte «so». Diesen Eindruck hatten wir hier auch. Die Hügel machten uns jedoch weniger Sorgen als eine kurze Strecke in Küstennähe, welche für ihre heftigen Winde berüchtigt ist. Windfarmen und der Ortsname La Ventosa kommen nicht von ungefähr. Manchmal sollen Lastwagen und Autos umgeblasen werden, vom Velofahren wird abgeraten😉.

Die Wetterprognosen sagten gewöhnlich starken, böigen Nordwind voraus. Wir entschlossen, uns selbst vor Ort ein Bild zu machen und nicht vorbeugend von Juchitán den Bus zu nehmen. Die Nacht durften wir im Windfang der Feuerwehr verbringen. Morgens um 05:30 Uhr begann die übliche Putzaktion der Fahrzeuge, was uns das Aufstehen leicht machte. Beim ersten Tageslicht waren wir schon auf der Strasse und kamen überraschend leicht bis La Ventosa. So problemlos hatten wir uns die Strecke nicht vorgestellt! Aber wir hatten uns zu früh gefreut, denn der schlimmste Abschnitt folgte erst. Kaum bogen wir auf die Autobahn ein, wehte der Wind so heftig, dass wir immer wieder abstehen mussten, weil die Böen uns sonst samt Velo von der Strasse geblasen hätten. Zum Glück fegte uns der Wind nicht auf die Fahrbahn, sondern davon weg. Eine Weile bewegten wir uns nur mit beiden Füssen am Boden, das Velo schiebend, langsam vorwärts. Ein Ende der Windparks war nicht absehbar und wir rechneten schon aus, wie viele Stunden wir für die 15 Kilometer zu Fuss benötigen würden. Gopfridschtutz, wo hatten wir uns da rein manövriert?!

Als wären die Entscheidungsträger bei der staatlichen Pemex-Gesellschaft Velofahrer, stand mitten im Getöse plötzlich eine ihrer Tankstellen mit Minimarkt. Was für eine Wohltat zwei Kaffees und Snickers im Windschatten waren! Sie lieferten Energie und Zuversicht für den Rest der Strecke. So viel brauchten wir davon aber gar nicht mehr. Es wurde nämlich bald etwas stiller und wir konnten den gesamten Weg bis Zanatepec im Sattel sitzen. Zufrieden und erschöpft durften wir auf dem inoffiziellen Campingplatz von Rodrigo übernachten, bevor wir am nächsten Tag wieder die Hügel hochzuklettern begannen.

Im unscheinbaren Dörfchen Nueva Tenochtitlán griff uns Josefina beim Mittagessen auf und wollte uns unbedingt ihrem velobegeisterten Mann Raúl vorstellen. Also nichts wie los, zum Kaffee in ihrem schönen Innenhof! Allzu lange konnten wir jedoch nicht verweilen, denn wir hatten bis zur geplanten Pause in San Cristóbal einen ziemlich sportlichen Plan, welchen wir erfolgreich verfolgten. Tuxtla, die Hauptstadt der Region Chiapas, durchquerten wir auf abgetrennten Velospuren schnell. Nur vor den Sammeltaxis und ihren Haltestellen mussten wir uns sehr gut in Acht nehmen.

Zwischen Tuxtla und San Cristóbal lagen zwar nur 70 Kilometer aber eben auch 2’000 Höhenmeter. Wir begannen den Aufstieg über die alte Hauptstrasse. Kurz vor dem Eindunkeln sahen wir in einem kleinen Dorf eine Kapelle und fragten die Anwohner, ob wir daneben zelten dürften. Klar, das sei überhaupt kein Problem. So stellten wir unser Zelt unter dem Wasserturm unter der Stromlinie hinter der Kapelle auf😊. Es war ein weiterer kreativer Übernachtungsplatz, von welchen es in Mexiko schon viele gegeben hatte: private Terrasse, Feuerwehr, Strandhaus, Tankstelle, Kaktuswald, Kirchenhof, Restaurant, Dorfplatz, schönes Schlafzimmer, Innenhof, luxuriöses B&B, Fussballplatz, Hotelgarten, Schiessstand, Campingplatz, Gemeindehaus… und auch einige ganz normale Unterkünfte. Um die Kapelle herum herrschte viel Betrieb. Dies lag jedoch nicht an uns, sondern an den Vorbereitungen für eine grosse Fiesta am Wochenende. Haben wir schon einmal erwähnt, dass die Mexikaner gerne feiern😉?

Die Nacht war überraschend ruhig, sodass wir am Morgen den langen Anstieg ausgeschlafen angehen konnten. Weil das Wetter nicht besonders schön und die Route über die alte Hauptstrasse länger und anstrengender war, nutzten wir die Gelegenheit, unter einem Stacheldraht hindurch auf die Autobahn zu gelangen. Auf dieser kletterten wir etwa sechs Stunden lang gleichmässig den Berg hoch, um am frühen Nachmittag unser Ziel in San Cristóbal zu erreichen. Hier oben war es kalt und windig, sodass wir ohne Umwege direkt zum Hostel fuhren, wo wir uns im ungeheizten Zimmer warm anziehen mussten. Obwohl uns die Wohlfühlstimmung unter Rucksacktouristen, welche sich abenteuerlichen Touren anschliessen und das Taxi zum nahen Busbahnhof vom Hostelpersonal organisieren lassen, überhaupt nicht behagt, verlängerten wir unseren Aufenthalt etwas voreilig um zwei weitere Nächte. Nun kuscheln wir uns unter die wärmende Bettdecke und wissen eigentlich gar nicht, was wir mit der Zeit anfangen sollen. Auf die angedachte Ausfahrt in die umliegenden Mayadörfer haben wir nämlich überhaupt keine Lust mehr. Zu viele (weisse) Touristen sind hier auf Entdeckungsreise und wollen sich die ursprüngliche Lebensweise der indigenen Bevölkerung ansehen, als wären die Menschen lebendige Ausstellungsstücke. Wir sind keine Ausnahme, möchten es aber gerne sein…