Hier in Nicaragua zeigt das Thermometer 35°C im Schatten, die Luftfeuchtigkeit beträgt etwa 60% und der Schweiss läuft uns beim Nichtstun über die Stirn. Kaum vorstellbar, dass wir vor drei Wochen im mexikanischen San Cristòbal noch froren! Aber zum Schreiben dieses Beitrags versetze ich mich gerne in die Kälte zurück…

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Dank des liebenswürdigen Personals und des leckeren Frühstücks wurden wir mit dem Hostel in San Cristòbal doch noch warm. Gleiches können wir von der Stadt nicht behaupten. Uns gefiel das angespannte Nebeneinander von gut zahlenden mehrheitlich weissen Touristen in den teuren Lokalen der aufgehübschten Innenstadt und der armen, distanzierten Maya-Bevölkerung nicht. Daher war es für uns absolut in Ordnung, dass die Reise nach dem dreitägigen Aufenthalt weiterging.

Ursprünglich wollten wir über die Yukatán-Halbinsel und Belize nach Guatemala radeln und unterwegs verschiedene Maya-Ruinen besuchen. Doch nicht (nur) die über 1000 Zusatzkilometer in heiss-feuchtem Klima schreckten uns ab, sondern auch die Tatsache, dass Mexiko zum neuen Jahr die Preise für seine Hauptsehenswürdigkeiten verdoppelt hatte. Ausserdem hatten wir Lust, vorwärtszukommen.  Als uns der Warmshower Gastgeber Jaime aus dem guatemaltekischen Grenzdorf Mesilla versicherte, dass der dortige Grenzübergang sicher sei, entschieden wir uns ohne Wehmut für den direkten Weg nach Guatemala. Die letzte Nacht auf mexikanischem Boden verbrachten wir angemessen an einer staatlichen Pemex Tankstelle😊. Von dort unternahmen wir am nächsten Morgen einen kleinen Abstecher zu den Maya-Ruinen von Tenam Puente. Dass sich der Eintrittspreis auch hier verdoppelt hatte, ärgerte uns anfangs sehr. Doch als wir ganz allein im Wald auf den Pyramiden herumklettern konnten, waren wir schnell wieder bei bester Laune und zufrieden, unsere letzten mexikanischen Pesos in diese Besichtigung investiert zu haben.

Am frühen Nachmittag erreichten wir Ciudad Cuauhtémoc, das letzte Dorf in Mexiko. Gut, dass uns Jaime darauf aufmerksam gemacht hatte, hier im unscheinbaren Immigrationsgebäude den Ausreisestempel abzuholen. Denn nun ging es bis zur eigentlichen Grenze einige Kilometer aufwärts. Im Gewirr von Marktständen mussten wir gut aufpassen, den guatemaltekischen Grenzposten nicht zu verpassen. Fast wären wir unbemerkt unter der geöffneten Schranke hindurch in ein neues Land gerollt. Aber wir brauchten natürlich den Stempel im Pass und diesen bekamen wir ohne Fragen. Nach einer kurzen Fahrt trafen wir im Hotel von Jaime und seiner Familie ein. Dort durften wir uns in einem schönen Zimmer einrichten und uns in Ruhe der Routenplanung widmen. Vielen herzlichen Dank, Jaime!

In Guatemala pedalierten wir den ganzen ersten Tag auf dem schmalen, hektischen Panamericana Highway leicht bergauf. Lärm, stinke Auspuffe und volle Konzentration auf den vielen Verkehr machten uns müde. Aber immerhin zeigte sich hinter dem ununterbrochenen Häusersaum eine schöne Landschaft mit bewaldeten Bergen. An den steilen Hängen wird unter Schatten spendenden Bäumen Kaffee angebaut und an der staubigen Strasse zum Trocknen ausgelegt. Mhmm! Doch wir waren kaffeemässig keineswegs im Schlaraffenland und tranken bestenfalls sehr süssen Nescafé. Praktisch der gesamte Kaffee ist für den Export bestimmt und ist für die lokale Bevölkerung zu teuer.

Ab Huehuetenango wichen wir auf eine etwas ruhigere Strasse aus, die uns durch ländliche Dörfer mit indigener Bevölkerung führte, wo die Mayafrauen zum Markttag ihre traditionellen Trachten und Haarschmuck trugen. Die Nebenstrasse brachte aber auch viele fiese, steile Anstiege mit sich. Während wir zuerst in tiefe Gräben hinuntersausten bis die Bremsen glühten, strampelten wir sie auf der anderen Seite wieder hinaus bis die Beine brannten. Das Übel an den bis zu 18% steilen Rampen war, dass sie selbst Bussen und Lastwagen zu schaffen machten und diese uns immer wieder in schwarze Abgaswolken hüllten.

Im Touristenort Panajachel am Lago de Atitlàn suchten wir erst einmal Hustenbonbons, um unsere gereizten Hälse zu beruhigen. Danach genossen wir im Dorf dank hilfreichen Tipps einen richtig guten Kaffee. David riskierte es, einen Espresso zu bestellen und wurde erstmals seit Monaten (oder sind es Jahre?) nicht enttäuscht! Das richtige Volumen, eine gute Crema, nicht sauer, bitter oder verbrannt, sondern purer Kaffeegenuss… himmlisch! Gemäss David und Phenomdem ist dies auch in der Schweiz keine Selbstverständlichkeit😊:

Doch zurück nach Panajachel: Zum Übernachten holperten wir an vielen rot gebrannten Oberkörpern vorbei ans Ufer des malerisch gelegenen Sees, wo wir vor dem tollen Panorama unser Zelt aufschlugen.

Ausgeruht ging es am nächsten Morgen gleich wieder aus dem Krater hoch und weiter in Richtung Westen. Wir hatten vor, in die Nähe des Acatenango Vulkans zu fahren, einen sicheren Platz für unsere Velos und Taschen zu finden und den Berg zu Fuss zu erklimmen. Und all das klappte unglaublich gut! Obwohl wir auf eigene Faust ohne Führer unterwegs waren, beherbergte ein Tourenanbieter unsere Velos, vermietete uns Wanderstöcke und machte uns mit einem sehr leckeren zweiten Frühstück fit für den Berg. Per Autostopp gelangten wir bequem an den Start des Pfads. Im Anstieg begegneten wir vielen Gruppen, die, wie wir, das Feuerwerk des aktiven Nachbarvulkans Fuego bestaunen wollten. Mitten am Nachmittag trafen wir in der etwas absurden Siedlung aus Zelten und Hütten am steilen Hang des Acatenango ein. An einem Plätzchen, welches keinem Tourenanbieter gehörte, konnten wir völlig ungestört übernachten und beobachten, wie der Fuego immer wieder glühende Lava ausspuckte und dabei laut rumpelte. Fantastisch! Nach einer kurzen und kalten Nacht reihten wir uns morgens um 4:30 Uhr in die Menschenschlange ein, welche sich zum Sonnenaufgang auf den Gipfel des Vulkans Acatenango bewegte. Leider war es dem aktiven Nachbar gerade nicht nach einem Ausbruch zumute aber schön war es trotzdem! An den rasanten Abstieg über den steilen, staubigen Bergweg hatten meine Beine erwartungsgemäss noch einige Tage lang schmerzhafte Erinnerungen😉.

Zum Glück rollten unsere Velos bis zum Halt in Antigua Guatemala ganz von alleine bergab. Und auch die (touristische) Altstadt war so überschaubar, dass meine steifen Oberschenkel den Stadtbummel gut mitmachten. Anders als in San Cristòbal wollten wir unseren Aufenthalt in Antigua nicht voreilig verlängern und waren mangels Verfügbarkeit am nächsten Tag zum Umzug oder zur Abfahrt gezwungen. Weil uns das Städtchen ohnehin etwas zu überlaufen war, entschieden uns leichten Herzens für zweiteres und sausten 1’600 Meter aus der kühlen Luft ins feucht-heisse Klima am Meer hinunter.

Dank vielen kleinen Lädeli, Marktständen, Bäumen und Palmen war die Fahrt über die Landzunge nach Monterrico ganz unterhaltsam und angenehm. Ein kleines Touristenprogramm hatte uns hierhergebracht. An den Stränden der Region legen nämlich Meeresschildkröten ihre Eier. Mehrere Organisationen bezahlen Einheimische dafür, dass sie die Eier ausgraben, damit diese geschützt ausgebrütet werden können. An Wochenenden wird die Freilassung der frischgeschlüpften Schildkrötchen zu einer kleinen Veranstaltung gemacht. Um 17 Uhr können sich Besucher ein kleines Schildkrötchen «kaufen» und es aus einer Schale in die Freiheit entlassen. Seid ihr überrascht, dass wir uns auf so einen Unsinn einlassen wollten?! Naja, würden die Eier in ihren Nestern am Strand gelassen, hätten sie wegen Menschen, Füchsen, Hunden, Möwen, Quads etc. kaum Überlebenschancen. Insofern ist es vielleicht besser, sie einzusammeln und in Sicherheit auszubrüten. Wir wissen es nicht so genau, aber wir hatten eine Riesenfreude an «unserem» Schildkrötchen «Willy»! Obwohl wir es als Letztes freigelassen hatten, erreichte es als Erstes das Meer😊. Es steuerte so schnurgerade und zielstrebig auf die Wellen zu, dass es hoffentlich jetzt im Pazifik schwimmt und gross und stark wird 🙏.

Free Willy, eine grüne Meeresschildkröte

Grüne Meeresschildkröten kommen fast ausschliesslich zur Eiablage an Land. Am Strand graben sie mit ihren Hinterflossen ein tiefes Loch, legen über 100 Eier hinein und bedecken diese mit Sand. Bei Temperaturen über 30°C entstehen Weibchen, darunter Männchen. Nach etwa 50 Tagen graben sich die Jungtiere aus dem Sand und kriechen zum hellsten Ort, dem Ozean hin. Nur 1% der Schildkrötchen überleben bis zur Geschlechtsreife. Grüne Meeresschildkröten werden etwa einen Meter lang, 200 Kilogramm schwer und 50 Jahre alt.

Sollte Willy eine Wilhelmina sein, wird sie (hoffentlich!) in 20 Jahren Tausende von Kilometern zurück nach Guatemala schwimmen, um am gleichen Ort selbst Eier zu legen.

Die Art ist aufgrund von Plastikmüll im Ozean, Fischfang, Verlust von Niststränden, Lichtverschmutzung und steigenden Temperaturen vom Aussterben bedroht.

Viel Glück, Willy!

Ein weiterer kleiner Höhepunkt in Guatemala folgte am nächsten Morgen. Da Monterrico am äussersten Zipfel einer langen Landzunge liegt, erreicht man das Festland am einfachsten über eine «Fährverbindung». Als wir bei der Anlegestelle (Hafen kann man es nicht nennen😉) ankamen, hingen dort viele Männer in ihren Hängematten herum. Andere waren nur zum Zeitvertreib dort, denn am Sonntagmorgen lief sonst nirgends etwas. Die Fähren waren sehr minimalistische Holzbarken mit Platz für maximal zwei Autos und einige Mofas. Geduldig warteten wir, bis sich zwei Autos eingefunden hatten und wir unsere Velos zu ihnen auf den Kahn schieben durften. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde und führte durch eine schöne Mangrovenlandschaft. Immer wieder kreuzten wir entgegenkommende Fähren und staunten, wie knapp sich diese über Wasser hielten😉.

Wir kamen trocken und unversehrt ans Festland und hatten einen unspektakulären letzten Fahrtag in Guatemala vor uns. Der Grenzübertritt nach El Salvador war so einfach, dass wir uns schon fast nicht mehr daran erinnern. Nach einer kurzen Fragerunde mit dem Einwanderungsbeamten gab es erst einmal kostenloses WiFi, saubere Toiletten und gratis Kaffee. Tolles Land! Auch sonst gefielen uns die ersten Kilometer in El Salvador gut: perfekte Strasse, ruhiger Verkehr und bedeutend weniger Abfall am Strassenrand als in Guatemala. In Cara Sucia, der ersten grösseren Ortschaft, durften wir bei einem Schwimmbad unser Zelt aufbauen und im kühlen Pool ein erfrischendes Bad nehmen. Herrlich!

Inzwischen sind wir schon bis Nicaragua geradelt aber ich merke, dass es bis hierhin zu viel zu berichten gibt für diesen Beitrag…😊