Wir verliessen unser Nachtlager in einer Badi bei Cara Sucia früh, um der Hitze beim Aufstieg zur Ruta de las Flores zuvorzukommen. Dies hat natürlich nicht so richtig funktioniert, denn bis zur Abzweigung auf die Bergstrasse hatten wir bereits 30 Kilometer zurückzulegt.

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Gestärkt mit einem leckeren zweiten Frühstück und frischem Kokoswasser, das uns am Strassenrand jemand in die Hände gedrückt hatte, begannen wir langsam in Richtung Ruta de las Flores hoch zu pedalieren. Eigentlich wussten wir gar nicht so genau, was uns auf dieser touristischen Panoramastrasse mit wohlklingendem Namen erwarten würde, aber schon allein die kühlere Luft auf 1’300 Metern lockte uns. Für den Aufstieg benötigten wir einen ganzen Tag. Erfreulicherweise wurde es auf dem steilsten letzten Abschnitt merklich weniger heiss und Bäume spendeten Schatten. Kaum hatten wir die Ruta de las Flores erreicht, wurde uns klar, dass es zwischen noblen Fincas und Hotels schwierig werden dürfte, einen Campingplatz zu erfragen. Schlussendlich landeten wir gegen gute Bezahlung im Garten eines schicken Restaurants, wo wir bei angenehmen Temperaturen herrlich schliefen.

Am Morgen fuhren wir auf der Panoramastrasse in die Dörfer Ataco, Apaneca und Juayua, welche angeblich so malerisch sein sollen, dass sich ein Besuch lohnt. Wir fanden die Dörfer nett, aber nicht herausragend reizvoll. Uns gefiel der Blick auf die unzähligen Kaffeeplantagen besser. Leider hatten wir es versäumt, in Ataco eine Kaffeefinca zu besichtigen und uns den Produktionsprozess von Kaffeebohnen anzuschauen. Schade. Es wurmte mich sehr, dass ich David nicht einmal davon zu überzeugen versuchte, einige Kilometer und viele Höhenmeter zurückzufahren, um den Besuch nachzuholen. Denn so hätte sich der lange Aufstieg in die Berge wirklich gelohnt. Immerhin sahen wir auf der langen Abfahrt schöne Flechtarbeiten und fanden abends einen tollen offiziellen Campingplatz am Strand.

Mit viel Auf und Ab ging es am nächsten Tag hübsch der Küste entlang in Richtung Westen. Für die Schlafplatzsuche sah ein Fussballfeld am Strassenrand richtig einladend aus und wir konnten den Mann, der gerade am Wischen war, um Erlaubnis fragen, prima! Die Antwort, dass wir selbstverständlich hier zelten dürften, kam ohne Zögern. Wie sich herausstellte, waren Jorge und seine Frau Alicia nicht nur für den Unterhalt des Fussballplatzes, sondern insbesondere für den des Friedhofs zuständig. Und auf zweiterem campierten wir neben der Kapelle😊. Die beiden zeigten uns voller Stolz ihre Hühner, Enten, Papageienbabys, Hunde etc. und Alicia verköstigte uns mit einer leckeren Reis-Fleisch-Suppe und Tortillas. Darüber, dass die angekündigte Hühnersuppe am Morgen zum Frühstück nicht bereit war, waren wir zugegebenermassen froh. Und noch weniger traurig war ich, dass ich Alicia bei der Zubereitung nicht helfen musste und das Suppenhuhn weiter auf dem Friedhofsrasen nach Körnern picken konnte.

Hungrig blieben wir trotzdem nicht: Die frischen Spiegeleier und Brötchen brachten uns bis nach Zacatecoluca. Dort folgten wir einem Tipp (Merci, Corine und Erwin!) und gönnten uns im Café89 einen richtig guten Kaffee, auch wenn der letzte keine zwei Wochen her war. Dass das unscheinbare Lokal auch noch klimatisiert war und über WiFi verfügte, kam uns sehr gelegen. Wir wollten nämlich Verpasstes nachholen und bei einer Kaffeefinca in Berlín um die Möglichkeit einer Besichtigung anfragen. Obwohl abgesehen von einer horrenden Preisangabe nichts zurückkam, entschieden wir uns, wieder in die Höhe zu klettern und über eine staubige Piste nach Berlín zu kurbeln.

Im Dorf durften wir den netten Damen einer Pupuseria unser Gepäck anvertrauen, sodass wir uns mit unbeladenen Velos über einen steilen Weg zur Finca hinauf murksen konnten. Weil uns eine Besichtigung nie zugesagt worden war, hofften wir einfach darauf, dass unser Effort, mit den Velos anzureisen, belohnt würde. Und dies wurde er!
Am Eingangstor empfing uns der erste schwer bewaffnete Wachmann, welcher (zur Verstärkung😉) einen schwer bewaffneten Kollegen holte. Zusammen informierten sie ihren Vorgesetzten, der schliesslich den Chef anrief. Da dieser in seiner Freizeit Marathon läuft, gab er tatsächlich die Erlaubnis, dass uns Velofahrern die Anlage gezeigt werden durfte😊. Von den Erklärungen auf Spanisch verstanden wir nur wenig, fanden die kostenlosen Tour aber trotzdem interessant. Wie Kaffee nach der Ernte prozessiert wird und was es mit «washed», «natural» und «honey» auf sich hat, lasen wir später in diesem Artikel nach.

Zurück in Berlín tranken wir einen (schlechten) Kaffee und genossen danach die schöne Strecke bis Santiago de María. Während wir dort in den Bäumen des Stadtparks vergeblich nach den anscheinend hier lebenden Leguanen Ausschau hielten, organisierte uns ein Mann einen Schlafplatz vor dem Gemeindehaus. Nachtwächter Fredy freute sich sehr über Gesellschaft und erst recht begeistert war der tief religiöse Mann über unsere biblischen Namen David und Rebecca. Rebecca? Seit mich ein Parkwächter beim Acatenango Vulkan so nannte, weil er mit Regula (wie alle Nicht-Schweizer) überhaupt nichts anfangen konnte, stelle ich mich der Einfachheit halber oft unter diesem Namen vor. Dies hat auch den Vorteil, dass ich trotz meiner kurzen Haare für eine Frau gehalten werde. Und der Name klingt auch nicht wie «Dracula»😊.

Ein langer, heisser Fahrtag brachte uns mal über hervorragende Velowege, mal am löchrigen Strassenrand klebend bis vor die honduranische Grenze. Uns hat das kleine El Salvador sehr gut gefallen und wir fühlten uns als Touristen immer und überall sehr sicher.

Am Morgen war die Grenze schnell und problemlos passiert. Nur die Frage, wie viele honduranische Lempira wir für den zweitägigen Aufenthalt benötigten und was der tatsächliche Wechselkurs war, beschäftigte uns einige Minuten. Honduras war merklich weniger stark besiedelt als El Salvador und wirkte irgendwie weniger modern und aufstrebend als sein Nachbarland. Die Strasse bis Choluteca war jedoch in Top-Zustand, wenn auch leider von viel Abfall und wenig Schatten spendenden Bäumen gesäumt. In Choluteca war es richtig heiss, das Thermometer zeigte um die 38°C am Schatten. Entsprechend dankbar waren wir für die Abkühlung in einem klimatisierten Tankstellenshop, welchen wir erst am späteren Nachmittag verliessen.

Auf der Weiterfahrt entschieden wir uns für die Route durch die kühleren Berge bei San Marcos de Colón. Als wir dort im Stadtpark eine ausgiebige Mittagspause machten, krachte es plötzlich und ein Leguan fiel aus den Bäumen! David machte sich auf die Suche und entdeckte mehr als zehn weitere Exemplare. Nun kamen wir also doch noch in den Genuss, diese riesigen Echsen zu beobachten.

Unsere letzten Lempiras investierten wir in den Kauf von Elektrolyt-Pülverchen. Weil wir so viel schwitzen und das purifizierte Trinkwasser komplett frei von Mineralien ist, versetzen wir dieses mit Elektrolyten. Komplett ohne Geld in Landeswährung pedalierten wir einige Kilometer an die Grenze zu Nicaragua. Was für eine fröhliche Überraschung, als wir am Grenzposten Delaney und Robert aus Alaska wiedersahen! Wir hatten die beiden auf der Fähre von La Paz nach Mazatlán in Mexiko kennengelernt und hier kreuzten sich unsere Wege wieder. Für einen längeren Austausch reichte die Zeit allerdings nicht, denn die Beamten erledigten die Formalitäten wesentlich zügiger und geordneter, als wir dies anhand von Erfahrungsberichten erwartet hatten. Auch unser deklariertes Obst und Gemüse interessierte niemanden.
Leider war der Geldwechsler an der Grenze bereits nach Hause gegangen, sodass wir uns ohne nicaraguanische Córdoba einen ersten Schlafplatz suchen mussten. Wir hofften, dass wir unser Zelt neben einer Kirche aufstellen dürften. Ein Mann, der mit seinem Velo am Strassenrand gewartet hatte, fragte sogar den Pastor für uns an. Als dieser unser Begehren ablehnte, war es dem tief religiösen Miguel wohl so peinlich, dass er uns umgehend zum Übernachten vor seinem kleinen Häuschen einlud. Miguels Frau Cristina kochte für uns alle ein leckeres Abendessen, ein nicht ganz alltägliches Geburtstagsmenü für David.

Am nächsten Morgen mussten wir im Städtchen Somoto erst einmal Geld auftreiben, was uns ziemlich schnell gelang. Mit viel Auf und Ab fuhren wir der Stadt Estelí entgegen, welche für ihre Zigarrenproduktion bekannt ist. Zuerst reihte sich eine Backsteinbrennerei an die nächste, dann säumten grün leuchtende Tabakfelder die Strasse. In einer auffällig schönen Holzscheune durften wir zuschauen, wie Tabakblätter an eine Schnur aufgezogen und zum Trocknen aufgehängt werden. Die Mittagspause in Estelí war nur kurz, denn wir wollten noch vor Arbeitsschluss eine Zigarrenfabrik finden, welche wir besichtigen konnten. Wir benötigten einige Anläufe, bis uns der Produktionsmanager einer Firma spontan und in gutem Englisch durch seine Anlagen führte. Der Rundgang war sehr spannend und wir sahen, mit wie viel Aufwand und Handarbeit die Tabakblätter sortiert, aufbewahrt, fermentiert, aufbereitet und schliesslich zu Zigarren gerollt werden. Auch die Verpackung inklusive der Herstellung der Holzschachteln durften wir ansehen. Zum Schluss bekamen wir als Nichtraucher je zwei Zigarren geschenkt😊. In den meisten Bereichen der Firma wird übrigens geraucht und beim Produktionsmanager gehört das Rauchen zwecks Qualitätskontrolle sozusagen zum Jobprofil… Stellt euch das in der Schweiz vor! Den spannenden und ereignisreichen Tag beendeten wir gebührend auf der Terrasse einer leerstehenden Partyvilla, wo wir übernachten durften.

Weil nicht jeder Tag so toll sein kann, war es der nächste eben nicht. Viel lärmiger und stinkender Verkehr auf einer schmalen Strasse mit abruptem Absatz erforderte höchste Konzentration und gute Nerven. Der böige Seiten-/Gegenwind machte die Fahrt zwar etwas kühler aber insgesamt nicht angenehmer. Doch auch dieser Tag nahm beim Restaurant eines Lastwagenparkplatzes ein gutes Ende. Wir durften vor dem Seiteneingang zelten, gönnten uns erleichtert ein Getränk und schliefen trotz des vielen Umgebungslärms tief und fest.

Von unserem Nachtlager aus war es nicht mehr weit bis in die Stadt Masaya. Während wir durch die Pflastersteingassen holperten, konnten wir beobachten, wie die Leute in den Innenhöfen Hängematten herstellten. Das war toll! Ganz hübsch fanden wir auch den Zentralpark, wo wir unsere lange Mittagspause verbrachten. Ungemütlich war nur, dass David seit dem Morgen unter Bauchschmerzen litt. Diese bewogen uns dazu, nach dem Ausblick auf den Kratersee Laguna de Apoyo gleich in die Stadt Granada hinunterzurollen und dort ein Airbnb zu nehmen. Dies stellte sich als weise Entscheidung heraus, denn David hat es am Abend richtig durchgeputzt und er schlief den ganzen folgenden Tag. Wir verlängerten unseren Aufenthalt Nacht um Nacht, bis David wieder bei Kräften war. Vor der Weiterfahrt genügte ein halber Tag, um die Attraktionen der Stadt zu besichtigen. Für den Besuch des Schokolademuseums, wo es mehr zu kaufen als zu sehen gab, reichten einige Minuten. Und diese verbrachten wir mit dem herzigen Dackel, welcher sich an den ausgestellten Kakaobohnen gütlich tat😊.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft hörten in einer Bar Schweizerdeutsch und kamen mit den zwei Frauen um die 60ig ins Gespräch. Wir setzten uns kurzum zu Leit und Pati aus dem Bündnerland an den Tisch und tauschten den ganzen Abend witzige Reiseanekdoten aus. Ein gemütlicher Abend!
Nach fünf Tagen Zwangspause in Granada machten wir uns auf den Weg in Richtung Vulkaninsel Ometepe. Zum Glück kam die betagte Fähre mit dem starken Wind gut zurecht und bescherte uns eine schöne Überfahrt. Für die Umrundung der hügeligen Insel nahmen wir uns zwei Tage Zeit und genossen den gelassenen Rhythmus auf dem Eiland. Besonders gefreut haben wir uns über die Unterhaltung mit Papagei Paolo, der im Baum neben unserer Unterkunft vor sich hinplapperte. Sein Vokabular beschränkte sich zwar auf «Paolo» und «bueno» in verschiedenen Tonlagen, aber wir konnten ihm trotzdem stundenlang zuhören😊!

Nachdem uns die Fähre ans Festland zurückgebracht und wir eine erholsame Nacht am Hafen verbracht hatten, war es heute eine kurze Fahrt bis an die Grenze zu Costa Rica. Für die problemlose Aus- und Einreise mussten wir uns in den Warteschlangen etwas gedulden. Im Vergleich zu den Lastwagenfahrern, welche sich auf costa-ricanischer Seite auf elf Kilometern stauten, war dies allerdings ein Klacks. Sie warten scheinbar drei Tage lang auf die Abfertigung in Nicaragua. Abgesehen von der Lastwagenschlange fiel uns in Costa Rica auf, dass der Wald dichter und grüner war. Eine Wohltat fürs Auge! Eine knappe Velostunde von der Grenze entfernt, verbringen wir die erste Nacht auf dem gepflegten Campingplatz eines Schweizer Ehepaars. Vielleicht gönnen wir uns morgen zum Auftakt unserer Reise durch Costa Rica ein Frühstück mit hausgemachtem Brot…