Unser erster Eindruck von Bocas del Toro auf der Insel Colón war erfrischend authentisch. Klar, gab es viele Touristen und Angebote, die uns ansprechen sollten. Riesige Luxushotels und noble Anwesen reicher Ausländer sahen wir hingegen keine und das war uns sympathisch.

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Das Hostel, wo wir im Zelt übernachteten und in dessen Innenhof Brüllaffen auf den Palmen herumturnten, lag etwas ausserhalb des Zentrums. Dies erwies sich als ganz praktisch, denn so waren wir weniger versucht, viel Geld fürs Essen und Kaffeetrinken in den zahlreichen Restaurants auszugeben. Und für die Ausflüge an die Traumstrände mussten wir erst noch weniger weit fahren. Mit dem ausgeliehenen Schnorchel unseres Warmshower-Gastgebers Francisco konnte David an der Playa Estrella die riesigen Seesterne aus der Nähe bestaunen, das war toll!
Wir verbrachten auch viel Zeit beim Schwatzen mit anderen Hostelgästen, mit einem Schweizer Auswanderer (ebenfalls Francisco), welcher gerade seinem Zaun einen neuen Anstrich verpasste und natürlich mit Leti und Pati, die wir schon in Nicaragua und Costa Rica getroffen hatten. Bocas del Toro hat uns so gut gefallen, dass wir unseren Aufenthalt gerne noch etwas verlängert hätten. Da wir aber ausnahmsweise einen Termin einzuhalten hatten, verliessen wir die Insel nach vier Tagen wieder und nahmen die Fähre in Richtung Festland.

Unsere Route führte uns durch eine sehr schöne Landschaft, die von dichtem Regenwald, Kakaobäumen, Bananenpalmen und indigenen Dörfern aus einfachen Stelzenhäusern geprägt war. In Rambála suchten wir vor einem aufziehenden Gewitter Schutz und hielten nach einem Ort Ausschau, wo wir unser Zelt trocken aufschlagen konnten. Diesen fanden wir zufällig im Festgelände eines Lasso-Wettkampfs und wir freuten uns schon über einen unerwarteten kulturellen Einblick! Beim Wettkampf wird ein Kalb aus einer Box gejagt und in möglichst kurzer Zeit von einem berittenen Cowboy per Lasso gestoppt. Wenn sich die Schlinge um den Hals des Kalbes zuzieht, schleudert es um seine eigene Achse und bleibt am Boden liegen. Da hörte unsere Begeisterung für die hiesige Cowboy-Kultur bereits wieder auf. Die Kälber taten uns furchtbar leid und es war schrecklich, dabei zuzusehen! Dazu kam, dass Herr und Frau Cowboy immer betrunkener und unzimperlicher wurden. Als sich ein Kalb in der Box angsterfüllt auf den Boden legte, wurde es so lange an den Kopf getreten, bis es doch noch losgaloppierte. Genug war genug! Wir verzogen uns unter unser Dach, kochten Znacht und waren froh, dass gegen 21 Uhr alle verschwanden. Stockbesoffen und mit dem Auto, versteht sich.

Für uns ging es am nächsten Tag über das Zentralmassiv zurück an die Pazifikküste. Auf der (namenlosen) Passhöhe überquerten wir eine eindrückliche Wetterscheide: Die Wolken aus der feucht-heissen Karibik stauten sich an den Bergen und gaben pazifikseitig den Blick auf die saisonal trockene Landschaft frei. In Chiriqui erreichten wir die Panamericana und fuhren zwei Tage lang auf dem breiten Seitenstreifen mit wenig Verkehr in Richtung Santiago. Die Strecke war nicht besonders aufregend aber sehr heiss! Selbst mit einem frühen Start und ausgedehnten Mittagspausen liess es sich nicht vermeiden, bei weit über 30 Grad Celsius im Schatten unterwegs zu sein – und Schatten gab es keinen. Wir tranken literweise Wasser und freuten uns über jeden klimatisierten Tankstellenshop, in dem wir uns abkühlen konnten. Nicht nur klimatisiert, sondern auch richtig interessant fanden wir das interaktive Kanalmuseum in Santiago. Zwar opferten wir für dessen Besuch die «kühleren» Morgenstunden, aber wir bereuten keine Minute davon. Besonders witzig war, wie David unter überschwänglichem Lob des Simulators ein Containerschiff durch das Schleusensystem des Kanals navigierte… «Good job, Capt’n!»

Ab Santiago war auf der Strasse etwas mehr los, zu sehen gab es jedoch nach wie vor nichts. Wir kamen daher trotz den Temperaturen und des Gegenwinds gut voran. An einem regnerischen Vormittag erreichten wir Penonomé. Von hier aus wurde unsere Route wieder etwas abwechslungsreicher, denn wir kletterten über kleine Landstrassen nach El Valle de Antón. Typischerweise bestand der Aufstieg aus zahlreichen schweisstreibenden Steilstücke, statt angenehm gleichmässig den Berg hoch zu führen. Egal, die Anstrengung sollte sich lohnen! Über drei Ecken waren wir nämlich mit Ursula und Harry in Kontakt getreten und in ihrem schönen Zuhause wartete ein Ersatzteilpaket aus der Schweiz auf uns. An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an alle, die daran beteiligt waren!

Bei Ursula und Harry durften wir aber nicht nur unser Päckli abholen, sondern auch in einem Zimmer ihres ehemaligen Gästehauses übernachten. Im grossen Garten konnten unseren Velos einen Service verpassen, abends grillierten wir gemeinsam, wir schwatzen viel und besichtigten Ursula und Harrys Faultier-Auffangstation. Ihr ganzes Haus ist mit Körben, Ästen und Seilen ausgestattet, damit sich ihre trägen Mitbewohner darin fortbewegen können. Jöö, wie herzig! Wir genossen unsere dreitägige Pause sehr, auch wenn das Dorf über die Ostertage nicht so beschaulich war, wie sonst.

Am Morgen des Ostersonntags verabschiedeten wir uns von unseren lieben Gastgebern und fuhren zur geschäftigen Panamericana hinunter. Um 9 Uhr morgens und etwa 100 Kilometer vor Panama Stadt herrschte bereits stockender Kolonnenverkehr. Doch dank der starken Polizeipräsenz schlich die Schlange sehr gesittet der Stadt entgegen, die Stimmung war gelassen und es gab kein Gedränge. So hatten wir auf dem Seitenstreifen immer freie Fahrt und niemand konnte uns zu schnell oder unangenehm überholen, wie praktisch! Obwohl wir unerwartet gut und mühelos vorankamen, machten wir etwa 40 Kilometer vor der Stadt Feierabend und sparten uns die Einfahrt für den nächsten Tag. Lieber wollten wir die Strecke, welche andere Velofahrer als schrecklich beschrieben hatten, ausgeruht angehen.

Wir folgten dem Ratschlag eines Taxifahrers und nahmen die Autopista #1, um auf direktestem Weg in die Stadt zu gelangen. Wir empfanden den Verkehr auf der dreispurigen Autobahn als recht angenehm und rücksichtsvoll. Nur bei Aus- und Einfahrten oder wenn auf Brücken der Seitenstreifen fehlte, mussten wir gut aufpassen. Selbst die Überquerung der Puente de las Américas war völlig unproblematisch. Noch vor dem Znüni rollten wir entspannt in Panama City ein. Yippie, wir hatten es mit dem Velo nach Panama Stadt geschafft, ein kleiner Meilenstein😊! Mit einigen Fotostopps nahmen wir Kurs auf unsere Unterkunft am Rande des Hochhäuserviertels. Noch bevor wir uns dort anmeldeten, fanden wir unser zukünftiges Stammlokal, ein ausgezeichnetes chinesisches Buffetrestaurant mit vegetarischen Gerichten. Bisher hatte uns das schwere, frittierte und sehr fleischlastige panamesische Essen überhaupt nicht überzeugt. Umso mehr freuten wir uns über die riesige Auswahl an Gemüse und schlugen uns unschlagbar günstig die Bäuche voll.

Auch unsere Unterkunft war ein Glücksgriff. Vom Balkon aus hatten wir eine tolle Aussicht auf die umliegenden Hochhäuser und eine Waschmaschine stand erst noch gratis zur Verfügung. Mit ein paar Besorgungen in einem klimatisierten Einkaufszentrum war der erste Tag schnell vorbei. Für die Besichtigung der kleinen Altstadt wollten wir uns am nächsten Morgen genügend Zeit nehmen. Diese benötigten wir jedoch nicht. Die makellos renovierten Gebäude kamen uns etwas zu nobel und leblos vor. Uns gefiel das bunt gemischte Quartier um unsere Unterkunft herum deutlich besser. Letztere mussten wir am letzten Tag leider mit einem Verschwörungstheoretiker aus Europa teilen. Der ältere Herr hält es in seiner Heimat nicht mehr aus und lebt deshalb seit zwei Jahren auf einer Karibikinsel in Panama. Wahrscheinlich hat er dort keine Nachbarn, die er stundenlang mit seinen absurden Ideen zulabern kann und hat sich deshalb uns als Empfänger seiner Botschaften ausgesucht. Glücklicherweise war er kein Frühaufsteher, sodass wir uns am Morgen unbehelligt aus der Wohnung schleichen konnten.

Nach wenigen Kreuzungen hatten wir das Stadtgebiet verlassen und beobachteten bei den San Miguel Schleusen den Betrieb am Panamakanal. Danach verlief die Strasse in der ehemaligen amerikanischen Kanalzone eine Weile lang durch dichten Dschungel. Je näher wir der Hafenstadt Colón kamen, desto ärmer und schlechter wirkte die Gegend. Entsprechend froh waren wir, als wir abends unser Zelt bei einer Polizeistation aufbauen durften. Während wir unser Lager auf der Baustelle hinter der Station einrichteten, hörten wir aus dem Rohbau das herzzerreissende Miauen zweier kleinen Kätzchen. Ein Polizist erklärte uns stolz, dass sie die beiden gerettet hätten und sie nun füttern wollten. Satt hörten sich die Kätzchen jedoch nicht an. Wir versuchten das Gejammer mit Milch aus dem Supermarkt zu stoppen, merkten jedoch schnell, dass die Kleinen noch zu jung waren, um selbst zu trinken. Also ging David zur Apotheke und besorgte dort zwei Spritzen. Damit konnten wir die Kätzchen tatsächlich füttern😍! 

Das wäre ein schöner Tagesabschluss gewesen aber es gab noch etwas mehr Aufregung: Unser Abendessen war fast fertig, als David zum Kochen des Teewassers die Benzinflasche nachpumpte. Pffff… Benzin leckte aus der undichten Flaschenpumpe und entzündete sich sofort an der Flamme des Kochers! Die Flasche brannte lichterloh und nur indem wir das Feuer schnell mit Bauschutt erstickten, konnten wir Schlimmeres verhindern! Uff, Glück gehabt! Wir wollen uns gar nicht ausmalen, was hätte schiefgehen können, wenn das Missgeschick in einem trockenen Wald oder an einer Tankstelle passiert wäre…

Am Morgen fütterten wir noch einmal die süssen Kätzchen und übergaben die Milch und Spritzen zum Abschied an die Polizei. Hoffentlich hat nun ein Beamter den Auftrag, nach dem Autowaschen auch noch die Kätzchen zu schöppeln 🙏. Wir mussten die beiden ihrem Schicksal überlassen und machten uns auf den Weg zu den Agua Clara Schleusen am nördlichen Ende des Panamakanals. Zwei Kilometer vor dem Besucherzentrum gab es ein Veloverbot. Wir taten, was wir in solchen Situationen immer tun… das Verbot ignorieren. Tatsächlich wurden wir anderthalb Kilometer vor dem Ziel von zwei Sicherheitsmännern angehalten und durften, aus Sicherheitsgründen, auf der praktisch verkehrsfreien Strasse nicht weiterfahren. Sie fanden ihre Regeln selber ziemlich lächerlich, liessen uns aber partout nicht passieren. Also kehrten wir um.

Panamakanal

Der Panamakanal ist eine künstlich angelegte Wasserstrasse, welche die Karibik mit dem Pazifik verbindet und so die Schiffsroute zwischen der West- und Ostküste der USA um rund 20’000 Kilometer verkürzt.
Nach dem erfolgreichen Bau des Suezkanals im Jahr 1869 wollte der gleiche französische Ingenieur einen ähnlichen Kanal in Panama realisieren, welches damals noch zu Kolumbien gehörte. Das Privatunternehmen scheiterte jedoch an technischen Schwierigkeiten, Gelbfieberepidemien mit über 22’000 Toten und an Finanzierungsproblemen.
Gegen den Willen der kolumbianischen Regierung kauften die USA Anfang des 20. Jahrhunderts die Baurechte am Projekt. Auf dubiose Weise wurde Panama 1903 für unabhängig und die USA zu dessen Schutzmacht erklärt. Eine Zone rund um den zukünftigen Kanal wurde zu amerikanischem Staatsgebiet.
Die Fertigstellung des Kanals im Jahr 1914 war dennoch eine grosse Ingenieurleistung des U.S. Army Corps of Engineers! Im Gegensatz zum Suezkanal werden die Schiffe mithilfe von drei Schleusensystemen über den künstlichen Gatun-See gehievt.

Nach anhaltenden Protesten und politischen Schwierigkeiten übernahm Panama im Jahr 2000 die vollständige Kontrolle über den Kanal. 2016 wurden zwei zusätzliche Schleusensysteme eröffnet, sodass auch Schiffe der Neo-Panamax-Klasse mit 17’000 statt bisher 5’000 Containern passieren können. Dank Sparbecken können in den neuen Schleusen 60% des Wassers wiederverwendet werden. Im Vergleich zu den alten Schleusen stellt dies eine siebenprozentige Reduktion des Wasserverbrauchs dar.
Süsswasser ist nämlich selbst im fünftregenreichsten Land der Welt ein kostbares Gut! Aufgrund von geringen Niederschlägen mussten 2023 und 2024 die Schiffspassagen reduziert werden. Die Behörden des Panamakanals planen deshalb einen weiteren Entlastungsstaudamm.
Den Panamakanal zu benutzen, ist eine teure Angelegenheit: Die Kosten für ein Neo-Panamax-Schiff betragen etwa 500’000 USD.

Das amerikanische PBS (eine nicht-kommerzielle TV-Sendekette) hat zwei interessante und empfehlenswerte Dokumentarfilme über den Panamakanal erstellt:

Wir nutzten die Zeit, um die Pumpe unseres Kochers mit Epoxykleber abzudichten und pedalierten anschliessend nach Puerto Lindo. Hier durften wir bei einem Hostel zelten und konnten heute Morgen unsere Sachen trocken einpacken. Darüber sind wir sehr froh, denn die nächsten fünf Tage werden wir nicht im Sattel verbringen!

Seit dem Jahr 1936 gibt es die Panamericana, eine durchgehende Strasse von Alaska in Nordamerika bis Feuerland in Südamerika. Durchgehend? Nein! Durch den unwegsamen Darién-Dschungel gibt es bis heute nur kleine Pfade…
Die preiswerteste und einfachste Möglichkeit, den Darién-Gap zu überwinden, ist ein Flug von Panama nach Kolumbien. Dies kam für uns aus Prinzip nicht in Frage! Eine weitere Option ist die Fahrt mit mehreren Schnellbooten entlang der Küste, was unbequem, ungewiss, nass und nicht ungefährlich ist. Also haben wir uns für die dritte (Luxus)Variante entschieden und eine kommerziell angebotene Überfahrt mit dem Segelschiff gebucht. Ob dies eine gute Entscheidung war, wird sich zeigen. Wir sind auf jeden Fall gespannt, wie es uns ergehen wird und werden im nächsten Beitrag darüber berichten.

Geschrieben am 11. April 2026, publiziert am 18. April 2026

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