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Pannen
Zelt
ohne Dusche
>50% Sonne
Schokolade
Mitten in Kolumbien
Etwas benommen vom schwankenden Festland und erschlagen von der stehenden Hitze in der Stadt, setzten wir in der Marina von Cartagena erstmals unsere Füsse auf südamerikanischen Boden. Unsere Euphorie hielt sich jedoch in Grenzen, denn wir wollten einfach nur in unserer Unterkunft ankommen, Znacht kochen und viel schlafen.

Wir hatten zwar gerade sechs Tage Velopause hinter uns, brauchten nun aber nochmals soviel Zeit, um uns davon zu erholen😉. Obwohl es dafür eigentlich viel zu hiess war, besichtigten wir die hübsche koloniale Altstadt und das kleine, klimatisierte Goldmuseum. Wir lernten Juan Valdez kennen, die kolumbianische Kaffeekette, liessen uns die erste Dengue-Impfung verpassen und schmiedeten konkrete Pläne für unsere Route durch Kolumbien und Südamerika. So richtig motiviert für die Weiterfahrt fühlten wir uns trotzdem nicht. Überall lagen Müll und Menschen, welche darin und davon lebten während andere in schicken Autos an ihnen vorbeikurvten. Abenteuerliche Gerüche von Kloake, Abfall, Verwesung, Abgasen und Strassenküche stiegen uns in die Nasen. Dazu kam die lähmende, feuchte Hitze, in welcher uns selbst beim Nichtstun der Schweiss über die Stirn lief. Wieso wollten wir hier Radfahren? Konnten wir uns nicht ein angenehmeres Reiseziel suchen?

Wir wussten, dass sich die Zweifel unterwegs schnell legen würden, also pedalierten wir am 22. April nach fast zweiwöchiger Velopause los. Doch bereits an der ersten kurzen Steigung mussten wir einen viertelstündige Hitzehalt einlegen und uns wenig später in einem klimatisierten Tankstellenshop abkühlen. Zum Glück lag nur noch eine vermeintlich «kurze» und «flache» Strecke zwischen uns und den Anden, in deren kühleren Höhen alles besser werden sollte. Aber so schnell und einfach war es dann doch nicht.
Die ersten Etappen erinnerten uns an die Überfahrt im Segelschiff: Der Untergrund war welliger als erwartet, die Landschaft wenig abwechslungsreich und David ging es schlecht. Die Hitze, eine Magen-Darm-Verstimmung oder Salzmangel (vielleicht war es eine Kombination von allem?) setzten ihm zu. Er konnte kaum essen und musste das Wenige, was er zu sich nahm, viel zu schnell von sich geben. Seiner Verfassung nicht zuträglich war, dass ich statt verständnisvoll nur genervt reagierte. Mit einem David unterwegs zu sein, der zu gesund zum Bleiben und zu krank zum Reisen war, machte überhaupt keine Freude und ich fand alles nur noch doof. Sonne doof, Regen doof, Landschaft doof, Strasse doof, Lastwagen doof, Leute doof und Essen sowieso doof. So würgten wir uns fünf Tage lang durch die Hitze, übernachteten in den billigen LKW-Hotels, machten kaum Fotos, probierten keine Spezialitäten und liessen uns selten auf die fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen ein. Zu sehr waren wir mit uns selbst beschäftigt.


Als wir endlich die Anden, die längste Gebirgskette der Welt, im Blick hatten, ging es sowohl auf der Strasse als auch mit unserer Verfassung rapide aufwärts. An einem langen Tag kletterten wir von 150 auf 2’500 Meter über Meer hinauf und fühlten uns sofort sehr viel besser. Trotz Regen und leichtem Frösteln(!) war die Freude am Unterwegssein zurück.

Wir kosteten uns durchs Sortiment von Bäckereien und freuten uns über Kontakte wie den mit Andrés, einem mobilen Oblatenverkäufer. Er tourt mit seinem Motorrad durch die Umgebung und verkauft die mit Caramel oder Käse gefüllten Waffeln, von welchen er uns zwei schenkte. Eisern spart er jeden möglichen Peso seines knappen Tageseinkommens, um irgendwann seinen grossen Traum zu erfüllen: Ein 2’000 USD teures Occasionsfahrzeug zu kaufen, damit Oblaten zu verkaufen und Südamerika zu entdecken.

Am nächsten Morgen verabredeten wir uns mit Andrés auf dem Stadtplatz von Yarumal zum Zmorge. Im Rucksack brachte er selbst gemachte Arepas (Maisfladen) mit Käse und Ei, Buñuelos und heissen Milchkaffee mit. Merci Andrés, für den tollen Start in den Tag!

Die idyllische Hügellandschaft mit kleinen Bauernhöfen und sehr vielen Kühen, fühlte sich ganz vertraut an. Nur wurde die Milch hier mit Esel, Pferd oder Kuh zur Sammelstelle gebracht und daraus entsteht nicht Emmentaler oder Greyerzer, sondern weisser Frischkäse. Mit Queso Costeño, Qeso Campesino, Quesillo, Cuajada etc. lässt es sich vorübergehend aber auch gut leben😊.

Wir hatten die letzten Kuhweiden noch gar nicht hinter uns gelassen, als wir im Tal unter uns plötzlich die Millionenstadt Medellín erblickten und staunten, wie steil sie sich in alle Richtungen an die Berghänge hinauf ausbreitet. Nach einer rasanten Abfahrt befanden wir uns mitten im Getümmel und erreichten über gute Velowege schnell unsere Unterkunft in einem ruhigen, sicheren Wohnviertel. Dies ist nicht ganz selbstverständlich, denn Medellín wurde bis in die 1990er Jahre vom Drogenbaron Pablo Escobar beherrscht, nirgends auf der Welt wurden täglich mehr Menschen getötet als in der zweitgrössten Stadt Kolumbiens. Obwohl Medellín mittlerweile als eine sichere Vorzeigestadt Lateinamerikas gilt, konnten wir uns mit ihr nicht anfreunden und hatten nach einer Gondelfahrt und einem Spaziergang durchs Zentrum genug gesehen.
Wir blieben nur zwei Tage in der Stadt des ewigen Frühlings (so wird Medellín wegen des ganzjährig angenehmen Klimas genannt), wobei wir einen halben davon beim Kaffee mit Robert verbrachten. Er ist mit seiner Frau mit dem Jeep von Alaska nach Patagonien unterwegs und wir hatten uns bereits in Mexiko und Nicaragua getroffen. Es war ein fröhliches Wiedersehen mit viel Gesprächsstoff!

Die Ausfahrt aus Medellín gestaltete sich wider Erwarten sehr vergnüglich. Es war der 1.Mai und damit auch in Kolumbien ein Feiertag. Für die Vier-Millionen-Metropole bedeuten Sonn- und Feiertage, dass drei Spuren der Autobahn, die mitten durchs Zentrum führt, für Motorfahrzeuge gesperrt sind und ausschliesslich dem Langsamverkehr zur Verfügung stehen. Wie toll ist das denn?! Davon können wir in der Schweiz nur träumen.

Die Stimmung unter Velofahrern, Läufern und Inlineskatern war ausgezeichnet und wir freuten uns sowohl über die vielen fröhlichen Gesichter als auch über den verkehrsfreien, direkten und entspannten Weg aus der Stadt heraus. Bevor es nach 15 Kilometern auf der regulären Strasse weiterging, mussten wir einem Sicherheitsmann über unsere Reise Rede und Antwort stehen. Wahrscheinlich verstand er uns gleich «gut» wie wir ihn, aber das obligate TikTok-Video mit den ausländischen Gästen durfte trotzdem nicht fehlen😉. Direkt am Stadtrand begann der Aufstieg über einen Pass in Richtung Santa Barbara. Diesen erklommen wir zusammen mit Hunderten enthusiastischen Radlern… Willkommen im Veloland Kolumbien!

Eigentlich hatten wir vor, wieder häufiger im Zelt zu übernachten, aber als wir nach einer langen Abfahrt das Dorf La Pintada auf 600 Metern über Meer erreichten, war daran nicht mehr zu denken. Hier unten war es uns wieder viel zu heiss und wir waren dankbar für den Ventilator im preiswertesten Hotelzimmer des Ortes (mit Spezialrabatt, da der Fernseher defekt war😉). In der Nacht hörten wir draussen heftigen Regen, Blitz und Donner. Wie angenehm doch unser trockenes Plätzchen war!

Ab La Pintada entschieden wir uns für eine wunderschöne Route durch die Kaffeeregion. Abgesehen von den ersten paar (schlammigen) Kilometern entlang des Flusses ging es vier Tage lang ununterbrochen entweder den bergauf oder bergab. Auf 170 Kilometern absolvierten wir 5’000 Höhenmeter und hatten grossen Spass daran! Auch wenn wir uns dies angesichts der steilen Hänge kaum vorstellen konnten, waren die Steigungen der ruhigen Asphaltstrassen sehr angenehm. Nur in den auf Hügeln thronenden kolonialen Dörfern mit ihrem schachbrettartigen Stadtplan waren die Strassen irrsinnig steil! Trotzdem liessen wir uns natürlich nicht davon abhalten, in den malerischen Orten ausgiebige Pausen einzulegen, kolumbianischen Kaffee zu trinken und das emsige Treiben zu beobachten. Die Leute interessierten sich dafür, woher wir kamen, wohin wir gingen und was wir von Kolumbien hielten. Es passierte mehrmals, dass ältere Herren David ihre Hand auf die Schulter legten und (dem Tonfall zu entnehmen wohlwollend) auf ihn einredeten. Weil er vom genuschelten Spanisch eigentlich nichts verstand, antwortete er meist mit «Si» oder «¡Muchas Gracis!» und lächelte dazu.

Die gebirgige Landschaft liess uns nicht schnell vorankommen, dafür genossen wir die Ausblicke auf die grünen Hänge, welche bis ganz zuoberst mit Kaffeebüschen, Bananenpalmen, Zuckerrohr oder manchmal auch Mais bepflanzt waren. Unglaublich, in welch unwegsamem Gelände die Menschen hier ihre Felder bestellen!

Der Stadt Manizales statteten wir nur einen kurzen Besuch ab, bevor wir der wenig spektakulären und wenig aussichtsreichen Autobahn bis nach Salento folgten. In diesem kleinen, hübschen Touristenort, wo sich bunte Häuser sehr hübsch aneinanderreihen, geniessen wir nun einige Tage Pause.















































































































































Gratulation zu 100‘000km! Wahnsinn! Sichere und tolle Weiterfahrt in Südamerika wünschen wir euch! Wir sind seit dem 1. Mai wieder in einer eigenen Wohnung, und am 3. August werde ich wieder mit Arbeiten beginnen. Schon ein bisschen verrückt, wie schnell man wieder im Alltag ist. Vor einem Jahr noch in China auf dem Göppel, und jetzt einfach zuhause 😉
Liebe Grüsse aus der Schweiz!
Danke euch! Schön, habt ihr wieder eine eigene Wohnung und du, Damian, einen neuen Job gefunden! Jetzt könnt ihr den Sommer noch ganz entspannt geniessen! Macht’s gut!
Auch in Brasilien sind die grossen Strassen an einigen Sonn- und Feiertagen gesperrt für den Autoverkehr.
Geht es dir wieder besser, David?
Ja, die meisten Grossstädte Lateinamerikas kennen autofreie Sonn- und Feiertage. Schade, dass wir dies in Europa nicht schaffen! David war schon beim Erstellen des Beitrags wieder fit. Wer hätte sonst die Route eingezeichnet, Fotos ausgewählt, die Statistik nachgeführt und den Blog veröffentlicht?🫣
So viele viele schöne interessante Bilder.
David ich hoffe sehr es geht dir wieder besser!
Vo Herze chunt es Zürigrüessli
Danke, alles wieder gut und schon ganz viele neue Fotos gemacht.😄
Schöne Bilder! Wir hoffen es gebt Dir David wieder besser und du Regula erholst du von die «doofe» phase welche ich sehr sehr gut verstehe. Irgendwann hat man die nase voll. Jetzt wieder das weiterfahren und unterwegs sein geniessen. Mittlerweile sind wir wieder zurück aus holland und versuchen eine Entscheidung » wohin» für die weiterreise zu machen. LG
Mit einem gesunden David war ganz schnell alles wieder in Ordnung. Das angenehme Klima in der Höhe hat auch geholfen. Ja, wir geniessen die Reise wieder und freuen uns schon, euch hoffentlich in Peru wiederzusehen!😘
Immer wieder toll eure Blogs und Fotos. Vielen Dank! Ich wünsche euch auf eurem Abenteuer weiter tolle Erlebnisse, Power beim radeln, gute Gesundheit und viel Kaffee 😉
Danke, Chrigi! An Kaffee mangelts in Kolumbien tatsächlich nicht. Und er ist normalerweise so grosszügig gesüsst, dass er auch gleich als Energydrink dient.
Euer Blog im wahrsten Sinne der Worte: Weltliteratur auf zwei Rädern!
Früher galten 100’000 km als stolze Lebensleistung eines Autos. Mit Rost, müdem Motor und viel Werkstattgeruch… Ihr erreicht 99’999 km tschaupend, was jedes Auto in den Schatten stellt. David wünsche ich gute Genesung und Weiterfahrt. Regula die gewohnte Energie zurück. Esel sind nicht doof. Drahtesel folglich auch nicht. In diesem Sinne: Don’t worry, be happy!
Ja, unsere geliebten Drahtesel sind robust! Ein bisschen Rost, Kettenöl und viel Schweissgeruch klebten an ihnen. Aber sie leisten hervorragende Dienste! Wieso also Auto fahren?! Wir sind wieder im Schuss und glücklich am Tschaupe! Natürlich sind Esel nie doof!😘 Pferde manchmal schon😉.