In Salento versteckte sich zwar hinter jeder bunt bemalten Tür ein Café, ein Restaurant, ein Hotel, ein Souvenirladen oder ein Tourenanbieter, aber uns gefiel es auch so.

Auf der Suche nach günstigen Essensangeboten und gemütlichen Orten zum Verweilen schlenderten wir die hübschen Gässchen auf und ab bis wir wirklich jedes Häuschen gesehen hatten. Eines davon war das Casa de la Cultura, in dessen überdachtem Innenhof sich ein kleiner «Kinosaal» befand. Wir liessen uns die Gelegenheit nicht entgehen, wieder einmal einen Film auf Leinwand zu schauen. Der Eintritt kostete 1.10 Franken und dazu gönnten wir uns zum gleichen Preis eine Tüte Popcorn. Zusammen mit zwei anderen Gästen sahen wir uns den empfehlenswerten kolumbianischen Film «Lejos Aqui» an und liessen uns schon einmal in die kleine Tatacoa Wüste mitnehmen, welche an unserer vorgesehenen Route lag.

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Bis dahin dauerte es allerdings noch einige Tage: Bei herrlichem Sonnenschein kurbelten wir von Salento aus auf einer guten Waldstrasse zum Passübergang «La Linea» hinauf. Von dort ging es steinig aber mit wunderbaren Ausblicken auf Wachspalmen und Kaffeeplantagen in zwei anstrengenden Tagen nach Ibagué. In einem Wohnquartier etwas ausserhalb der Stadt hatten wir eine günstige Unterkunft reserviert. Diese befand sich nicht etwa in einem anonymen Hotel, sondern im Gästezimmer eines netten Ehepaars mit zwei herzigen Katzen. Unsere Velos bekamen einen Platz im Wohnzimmer und ein Zmorge war ebenso im Preis inbegriffen wie die kuschelige Samichlaus-Einfassung des WCs und die bunte Sternchendecke auf dem Bett. Jöö…, so erhielten wir ganz unerwartet Einblick in einen kolumbianischen Haushalt… zum einzigen Mal auf unserer Tour durchs Land.

Ab Ipiales liessen wir unsere Räder bis in die Talsohle des Valle Magdalena hinunterrollen. Auf 300 Metern über Meer war es wieder sehr heiss. Der hartnäckige aber kühlende Gegenwind kam uns da ausnahmsweise sehr gelegen. Froh waren wir auch um die Wolken, welche während unserer Fahrt durch die bereits erwähnte Tatacoa Wüste Schatten spendeten. Die hohe Luftfeuchtigkeit erinnerte nämlich überhaupt nicht an eine Wüste. Und mit einem Jahresniederschlag von etwa der Stadt Bern ist es eigentlich auch gar keine Wüste. Aber der Niederschlag verdampft hier bei über 40°C so schnell, dass trotzdem nicht viel wächst. Genauso wenig vermittelten Ziegen, Kühe und eine Vielzahl disneylandartige Unterkünfte den Eindruck eines Nationalparks😉. Wir genossen die Fahrt durch die karge Landschaft mit ihren roten und grauen Gesteinsformationen dennoch und fanden am Abend einen schönen Zeltplatz zwischen grossen Kakteen. Lästig waren nur die Sandfliegen, welche sich über unsere Beine hermachten und höllisch juckende Bisse hinterliessen.

Nachdem wir anderthalb Tage lang über die Schotterstrassen der Tatacoa Wüste geholpert waren und viele Fotostopps eingelegt hatten, erreichten wir vor Neiva wieder die asphaltierte Hauptstrasse, an welcher es nicht viel zu sehen gab. Übernachtet haben wir meistens in günstigen Truckerhotels wie beispielsweise im «Las Mulas» (die Maultiere), dessen Vorplatz mit Rohöl-Lastwagen vollgeparkt war. An diesem Abend kochten wir zum ersten Mal auf unserer Reise in einem Hotelzimmer, um mit der Flamme unseres Benzinkochers nicht zu viel Aufsehen zu erregen😉.

Zu unserer Freude ging es ab Hobo wieder in die Berge hinein und über einen ersten Pass nach Mocoa. Bis hierhin hatten wir viel Wetterglück und wurden erst auf der Stadteinfahrt von einem Regenguss erwischt. Damit war auch die Entscheidung schnell getroffen, einmal mehr in ein einfaches Hotel einzuchecken. Als ich dort unter der Dusche stand, kam aus der Leitung nur ein Gluckern aber kein Wasser. Das überraschte ausser uns niemanden, denn auf die Wasserversorgung im Stadtzentrum ist kein Verlass. Die Wasserzufuhr wird häufig abgestellt und fällt besonders nach starkem Regen oft stundenlang aus. Denkbar ungünstig für einen Ort, an dem jährlich 4’500mm Niederschlag fallen. Für uns gab es etwas später eine Dusche mit Wasser aus dem hoteleigenen Tank.

Eigentlich wären wir gerne eine weitere Nacht in Mocoa geblieben, um die Stadt am Rande des Amazonasbeckens auszukundschaften und Kraft für die nächste Etappe zu tanken. Doch ein Blick auf die Wettervorhersage machte uns Beine, denn ab dem übernächsten Tag war für die ganze folgende Woche pausenloser Regen angekündigt. Also machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg über die 60 Kilometer lange unbefestigte Strasse mit dem furchteinflössenden Namen «Trampolín de la Muerte». Der Aufstieg zur ersten Passhöhe gestaltete sich wider Erwarten angenehm. Die Strasse war in gutem Zustand und (selbst für mich😉) nicht zu steil angelegt. Langsam aber stetig schraubten wir uns den steilen Hängen entlang durch dichten Wald in den Nebel hinauf. Dabei hatten wir den Eindruck, dass die Strecke ihrem Namen nicht besonders gerecht werde. Jedenfalls sahen wir auf der Fahrt keinen Grund zur Besorgnis, irgendwo in die Tiefe zu stürzen.

Fast hätten wir es ohne Regen bis auf den ersten Pass geschafft… aber eben nur fast. Etwa eine halbe Stunde lang pedalierten wir in unsere Regenponchos gehüllt, bevor wir den Imbissstand auf der Passhöhe erreichten. Dankbar um den Unterschlupf warteten wir bei heissem Milchkaffee und Arepas die heftigsten Schauer ab. Nicht zu beneiden war Christian, ein Velofahrer aus Frankreich, der etwas später komplett durchnässt ankam. Während einer kurzen Regenpause absolvierten wir die ersten Kilometer der Abfahrt und zelteten dort unter der Veranda eines Restaurants.

Als wir am Morgen den strömenden Regen aufs Dach prasseln hörten, drehten wir uns im Schlafsack nochmals um. Hier auszuharren war aber keine Option. So brachen wir unser Zelt ab, stärkten uns mit Haferflocken und süssem Kaffee und fuhren los, als der Regen etwas schwächer geworden war. Die Strasse führte erst einmal bergab, um dann gleich wieder 800 Höhenmeter zur nächsten Passhöhe anzusteigen. Etwa ähnlich verhielt es sich mit dem Niederschlag: er hatte nachgelassen, um dann gleich wieder kräftiger zu werden. Eine üble Sache! Aber was soll’s, Unterstand gab es keinen und immerhin wurden wir von den vielen Kleinbussen nicht eingestaubt😊. Nass bis auf die Knochen, machten wir auf der zweiten Passhöhe keinen Halt und starteten gleich die Abfahrt nach San Francisco. Unsere Freude und Erleichterung waren riesig, als es dort unten trocken und sehr viel freundlicher war. Bei der ersten Gelegenheit genossen wir eine heisse Schokolade und ein leckeres, warmes Zmittag. Mmmh…, das tat richtig gut!

Den Nachmittag verbrachten wir gemütlich bei Kaffee und Kuchen in einer Bäckerei. Wir wollten gar nicht zu weit fahren, denn da wartete bloss der nächste Anstieg auf uns. Diesen nahmen wir am folgenden Morgen frisch und ausgeschlafen in Angriff. Die stufenweise 10% steile Steigung im dichten Nebel entlockte uns den einen oder anderen Seufzer. Die Anstrengung war jedoch schnell vergessen, als wir zum ersten Mal den Páramo, eine einzigartige Vegetationsform in den nördlichen Anden, erblickten. Eine ebenso steile Abfahrt brachte uns ins touristischen Örtchen El Puerto, das Venedig Kolumbiens. Nun ja, wir fanden den Vergleich etwas vermessen aber es gab einen Kanal, viele Schiffe, Brücken und unzählige Restaurants.

Bald darauf hatten wir eine weitere Anhöhe überwunden und rollten zufrieden in die Stadt Pasto hinunter. Dort gönnten wir uns zwei Pausentage und hatten dafür ein Zimmer in einem freundlichem Hotel gebucht. Leider verfügte dieses über keine Möglichkeit zum Kochen oder Wasser heiss machen. Mitten im Quartier von Eisenwarenhändlern hatten wir dieses Problem schnell gelöst und uns für 3.0 Franken einen Tauchsieder erstanden. Die Idee, damit Pasta mit viel Gemüse zuzubereiten, mussten wir nach der ersten Anwendung verwerfen, aber immerhin gab es zum Zmorge einen heissen Kaffee😊.

Wir fanden Pasto eine sehr sympathische Stadt, was wohl auch an den angenehmen Temperaturen auf 2600 Metern über Meer lag. Abgesehen vom Besuch des Fasnachts- und Goldmuseum sowie der Besichtigung einer orientalisch anmutenden Kirche verbrachten wir einige Stunden damit, nach neuen Kettenschlössern zu suchen. Als wir diese installieren wollten, erlebten wir eine böse Überraschung: Die Kettenschlösser liessen sich selbst mit einer Zange nicht schliessen! Wir konfrontierten den Velohändler damit und er räumte ein, dass sein verkauftes Produkt nicht funktioniert. Ärgerlich, dass es für ihn zu kompliziert war, uns den Kaufpreis zurückzuerstatten.

Von Pasto bis in die Grenzstadt Ipiales fehlten uns nur noch 90 Kilometer. Diese teilten wir in zwei Tagesetappen auf und fuhren auf der alten Panamericana der schönen Guáitara Schlucht entlang. Unterwegs statteten wir dem spektakulär gelegenen Wallfahrtsort Las Lajas einen Besuch ab und freuten uns, den französischen Velofahrer Christian wiederzusehen. Bei gutem Wetter und in trockenen Kleidern waren wir diesmal zu einem fröhlichen Austausch aufgelegt. Mit den letzten kolumbianischen Pesos haben wir die Benzinflasche unseres Kochers aufgetankt und übernachten nun in einem Hotel unmittelbar vor der Grenze zu Ecuador.