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Pannen
Zelt
ohne Dusche
>50% Sonne
Schokolade
Hochs und Tiefs in Ecuador
Unsere Reise durch Ecuador begann mit einem unglaublich einfachen Grenzübertritt: Ausreisestempel in Kolumbien, über die Brücke nach Ecuador, Einreisestempel… et voilà. Es gab keine Fragen und unser Gepäck interessierte auch niemanden. Wir hatten eigentlich mit mehr Kontrollen gerechnet, denn in Ecuador herrscht aktuell Ausnahmezustand zur Bekämpfung krimineller Gruppierungen. Mindestens ein Blick in unsere Taschen hätte uns unter diesen Umständen angebracht gedünkt😉, aber so pedalierten wir bereits nach zehn Minuten zur ecuadorianischen Grenzstadt Tulcán hoch.

Die Attraktion der Stadt ist ihr Friedhof mit riesigen aus Zypressen geschnittenen Figuren und langen Grabwänden. Sein Besuch war ein gelungener Auftakt unseres Aufenthalts im Land. Rückblickend war auch die Route für die erste Tagesetappe eine gute Wahl. Diese führte uns in die eindrucksvolle Páramo-Landschaft des Reserva Ecológica el Ángel hinauf. Die erste Hälfte des Aufstiegs verlief auf einer guten Schotterstrasse prima. Bei der Mittagspause meinte David optimistisch, dass wir die verbliebenden 400 Höhenmeter und 15 Kilometer locker in zwei Stunden schaffen würden. Schliesslich war das Wetter sonnig und ein Einheimischer hatte uns versichert, dass die Strecke in ausgezeichnetem Zustand sei.
Das Ökosystem Páramo
Der Páramo ist eine Art tropische Tundra, die in den Anden in einer Höhe von 3’000 bis 4’500 Metern vorkommt. Das Ökosystem speichert Wasser und sichert so die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen, unter anderem in Quito und Bogotá. Charakteristisch für die neblige und kalte Landschaft sind die Frailejones Pflanzen.
Mit ihren dicht behaarten Blättern filtern sie die Feuchtigkeit direkt aus den vorbeiziehenden Wolken und geben sie an den Boden weiter. Sie wachsen etwa einen Zentimeter pro Jahr, werden bis zu 200 Jahre alt und ein Mantel aus abgestorbenen Blättern schützt ihren Stamm vor nächtlichem Frost.
Leider gefährden Klimawandel und intensivierte Landwirtschaft den Páramo und damit das Überleben der Frailejones.

Unmittelbar nach dem Zmittag wurde der Weg schmaler und steiniger. Die Ausblicke in die tropische Tundra waren jedoch so faszinierend, dass selbst ich bei bester Laune blieb. Dies änderte sich, als der Pfad immer schlammiger wurde und die Pfützen nicht mehr zu umfahren waren. Zu Beginn bemühten wir uns noch, unsere Füsse trocken und sauber zu halten, was sich schnell als aussichtslos erwies. Also änderten wir unsere Prioritäten und versuchten fortan, die Velos und Taschen nicht im Dreck zu versenken, während wir bis zu den Waden im Schlamm steckten. Ugh!

Beim Einbruch der Dunkelheit erreichten wir todmüde unser Tagesziel, das Refugio. Ich war froh, dass David etwas vorgefahren war und den freundlichen Ranger angetroffen hatte. Dieser zeigte uns nach meiner Ankunft sofort unseren Schlafplatz, einen Schutzraum in der Hütte, welcher Velofahrern zur Verfügung gestellt wird. Was für ein Luxus! Der Dreck an den Velos, Schuhen und Füssen störte den Ranger überhaupt nicht, wir durften mit Sack und Pack eintreten… «Tranquilo! Kümmert euch nicht und ruht euch aus.». So kochten wir im Windschutz unser Znacht, rollten die Schlafmatten am Boden aus und schliefen zufrieden ein. Zum Glück hatten wir uns für diese anstrengende aber schöne Route entschieden! So nah liegen Hochs und Tiefs beim Veloreisen beieinander.
Am Morgen verbrachten wir die erste Stunde damit, unseren Schlafplatz und die Velos vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach holperten wir auf der Pflastersteinstrasse durch den kalten Nebel ins Dorf El Ángel hinunter. Auf 3’700 m.ü.M. starteten wir bei 5°C und erreichten bis zum Mittag die Panamericana auf 1500 m.ü.M. bei 32°C. Gut, dass wir bis Ibarra wieder auf angenehme 2’200m ansteigen mussten. Als wir die letzten angenehm angelegten Serpentinen hochkurbelten, löste sich ein Stein von der steilen Böschung und – Doing! – traf genau Davids Hinterradfelge. So eine Scheisse! Der tiefe Kratzer auf der Bremsfläche wäre nun wirklich nicht nötig gewesen!

In Ibarra angekommen, sammelten wir erst einmal unsere Gedanken und überlegten, wie wir mit dem Defekt umgehen sollten. Glücklicherweise hatten wir uns bei der tollen Warmshowers-Gastgeberin Elaine und ihrer Mutter angemeldet. Die beiden empfingen uns herzlich in ihrem schönen Altstadthaus und wir durften unkompliziert einen zusätzlichen Tag bei ihnen bleiben, um eine Lösung für das Felgenproblem zu suchen.

Diesen Tag begannen wir jedoch nicht damit, Velogeschäfte abzuklappern, sondern wir begleiteten Elaine zu ihrer Arbeit. Vor 16 Jahren hat sie in Ibarra die Nonprofit-Organisation Crecer gegründet, welche Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen unentgeltlich ergotherapeutische Leistungen anbietet (siehe Webseite). Für ihren enormen Einsatz verdient Elaine nichts, sie lebt von ihrem Ersparten aus den USA und arbeitet, weil es ihr und ihren Klienten Freude bereitet. Elaines Engagement hat uns sehr beeindruckt, brachte uns sofort auf andere Gedanken und relativierte auch die «Schwere» unseres Veloproblems.
Tatsächlich schien dieses auch gar nicht so gross zu sein, wie ursprünglich befürchtet. Ein Freund, der bei DT Swiss arbeitet, erkundigte sich umgehend beim offiziellen Service Center und erhielt die Empfehlung «abschleifen und weiterfahren». Wir suchten beim lokalen Velomechaniker also nicht nach irgendeiner Notlösung, sondern lediglich nach etwas Schleifpapier😊. Und schon waren wir wieder fahrbereit. Merci vielmal für deinen Einsatz, Pierrick!
Nichtsdestotrotz wollten wir die beschädigte Felge möglichst schnell ersetzten und versuchten, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine DT Swiss Ersatzfelge aufzutreiben. Dies ist in Ecuador jedoch nicht so einfach, denn das Produkt ist hier nicht verfügbar und ein Versand aus dem Ausland scheitert nicht nur an den Zollbestimmungen, sondern viel mehr daran, dass es in Ecuador keinen Postservice mehr gibt! Unsere Lösung war also etwas komplizierter. Über eine Facebook-Gruppe hatten wir bereits vor einigen Wochen eine nette Frau gefunden, die uns einen Ersatz für Davids stark abgenutztes Schaltwerk aus Europa nach Ecuador mitbringen würde. Unsere Briefträgerin war gerade in ihrem Urlaub in England, als wir sie mit unserem neuen Anliegen konfrontierten. «Hättest du in deinem Koffer auch noch Platz für eine Felge🫣?» Zu unserer grossen Erleichterung war ihre Antwort ja, allerdings könne sie nicht garantieren, dass sich die Felge in ihrer weichen Tasche nicht verbiegen würde. Wird schon gut gehen! Also suchten wir einen europäischen Versandhandel, welcher unsere (nicht mehr produzierte) Felge an Lager hatte. Wir wurden fündig, bestellten umgehend und hoffen nun, dass alles klappt 🙏🏻!
Nach so viel Aufregung genossen wir es, in der Küche unserer Gastgeberin für alle ein feines Znacht zu kochen, bevor wir uns am Morgen von Elaine und aus Ibarra verabschiedeten.


Nach einem Zwischenhalt in einem Textilfabrikmuseum und dem Besuch des Handwerksmarkts in Otavalo fuhren wir dem Vulkan Cayambe entgegen, welcher sich im Abendlicht wunderbar präsentierte. In der gleichnamigen Stadt kamen wir für eine erholsame Nacht im Kraftraum der Feuerwehr unter. Kaum hatten wir Cayambe am nächsten Tag in Richtung Süden verlassen, stand ein ausführliches Fotoshooting zur Überquerung des Äquators an. Und statt nun in einer Tagesetappe nach Quito zu radeln, entschieden wir uns für einen weiteren Umweg…

Dieser führte uns auf einer mehrheitlich asphaltierten Strasse durch Landwirtschaftsgebiet und in kleine Ortschaften mit indigener Bevölkerung. Auf dem Marktplatz von Cangahua schwatzten wir einmal mehr mit den sehr neugierigen Frauen in ihren hübschen Trachten und Hüten. Sie wollten wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen, was für Gemüse in Europa wächst und was mit dem Abfall passiert. Mit ihrer Offenheit und ansteckenden Herzlichkeit muss man die Leute in Ecuador einfach mögen!

Bis am Abend pedalierten wir über einen 3’950 Meter hohen Pass und sausten gleich wieder 700 Höhenmeter bis ans Ende der Strasse nach Oyacachi hinunter. Hier holten wir zuerst die Bewilligung zur Durchquerung des Cayambe-Coco Nationalparks ein und gönnten uns anschliessend bei kalt-nebligem Wetter einen Besuch im örtlichen Thermalbad. Am nächsten Morgen kletterten wir (den gleichen Weg) zum Eingang des Nationalparks wieder hoch und tauchten in dessen neblige Landschaft ein. Bis zu den ersten steilen Anstiegen ging alles bestens. Ohne Weitblick durch den Nieselregen schiebend, kippte meine Laune hingegen schnell. Als ich nach einer der unzähligen Kuppen den langen, viel zu steilen Schlussanstieg vor mir sah, konnte ich nur noch heulen. Wie sollte ich das bloss schaffen? Mit Davids Hilfe❤️! Er schob sein Velo jeweils vorne weg und eilte zurück, um mir zu helfen. So ging dieser sinnlose Murks irgendwie vorbei und war nach einer langen Abfahrt beim zweiten heissen Milchkaffee in Papallacta nur noch in den Beinen zu spüren. Habe ich schon erwähnt, wie nah Hochs und Tiefs beim Veloreisen manchmal beieinanderliegen?

Über unseren ersten 4’000er Pass, auf welchem wir uns bei leichtem Regen warm anziehen mussten, ging es weiter nach Quito. Zwei Tage verbrachten wir in der Hauptstadt Ecuadors, bummelten durch die kolonialen Gassen der Altstadt, fieberten mit der Schweizer Eishockey-Nati im WM-Final mit und plauderten mit anderen Stammgästen des Hotels.

Wie es alle Velofahrer tun, folgten wir auf der Weiterfahrt der gar nicht so üblen Pflastersteinstrasse in Richtung Cotopaxi Nationalpark. Wir hatten kaum Hoffnung, dass sich der namengebende Vulkan aus den Wolken schälen und uns präsentieren würde. Umso grösser war die Freude, als er sich am späten Nachmittag in voller Pracht zeigte und wir im herrlichen Abendlicht auf ihn zurollten. Auch am Morgen war er noch kurz zu sehen, bevor sich der Berg wieder wie gewohnt in dichte Wolken hüllte. Das war uns nun egal, denn wir kehrten ihm ohnehin den Rücken zu und fuhren der Quilotoa-Runde entgegen.

Diese Route führte uns auf einer ruhigen Asphaltstrasse in zwei Tagen kurvenreich und mit vielen Höhenmetern zum Quilotoa Kratersee. Nach einem erneut unglaublich steilen Schlussanstieg erreichten wir den Aussichtspunkt am Kraterrand und genossen den Tiefblick zum hübschen Vulkansee.

Der unerwartete Höhepunkt der Rundtour folgte für uns allerdings erst auf der Weiterfahrt. Uns faszinierte das karge Hochland mit den bis in die steilsten Berghänge angelegten Feldern. Mit unzähligen Fotostopps erreichten wir die Hauptstrasse E30 und gelangten auf ebendieser zur Panamericana hinunter. Meine Beine waren müde aber David drückte uns die letzten 40 Kilometer gegen den Wind bis Ambato. Dort wollten wir im Casa Ciclista übernachten und einen Pausentag einlegen. Dummerweise fuhren wir zuerst zum Supermarkt und standen danach mit unseren Einkäufen vor verschlossenen Türen. Hätten wir uns doch bloss früher angemeldet! Es half nichts, dass wir uns ärgerten, also buchten wir die günstigste Unterkunft im Stadtzentrum und pedalierten im Dunkeln dorthin. Auf den ersten Blick sah unsere Bleibe nach einer heruntergekommenen Absteige mit merkwürdigen Gastgebern aus. Nach einem langen Tag im Sattel hatten wir dafür eigentlich überhaupt keine Nerven, aber was soll’s… Immerhin konnten wir Znacht kochen, duschen und in einem sauberen Bett schlafen.

Heute Morgen sah bei Tageslicht alles sehr viel freundlicher aus! Wir wohnen bei Jonathan und seiner Mutter Silvia sehr zentral aber dennoch ruhig. Unsere äusserst liebenswürdigen Gastgeber bemühen sich sehr, dass es uns gefällt, putzen mehrmals täglich und versorgen uns mit Tipps zu lokalem Essen und Ausflügen. Obwohl Ambato weder besonders aufregend noch sehenswert ist, haben wir uns entschieden, hier einige Tage Pause zu machen, besseres Wetter abzuwarten und viel Energie zu tanken. Denn der nächste Vulkan wartet bereits auf uns…
Übrigens: Zum Abschluss unserer Reise durch Nordamerika haben wir unsere Top-10-Liste aktualisiert. Das war keine leichte Aufgabe, denn in den vier Jahren unterwegs haben wir unglaublich viele tolle Dinge gesehen und erlebt!




































































































Schlamm, Vulkane, Pannen, Herzlichkeit und einmal mehr der Beweis, dass Hochs und Tiefs oft nur wenige Pedalumdrehungen auseinanderliegen.
Treffend zusammengefasst🤓
Unglaublich interessante und spannende Erlebnisse, tolle Eindrücke, wenn auch zwischendurch gekoppelt mit Hoch und Tiefs. Beeindruckend Eure Leistung! Faszinierende Landschaften, tolle Fotos.
Weiterhin viel Freude und wunderschöne interessante Landschaften, Städte und Begegnungen!
Vielen Dank für die tollen Beiträge!!!!!!
Danke für die lieben Komplimente und dass du unsere Beiträge auch nach vier Jahren noch liest! Hochs und Tiefs machen das Reisen spannend☺️
Ihr seid soooooo stark !!!! So ein Wille und sooo viel Energie. Wie gesagt- kaum oder gar nicht in Worte zu fassen !!!
Und die schönen Bilder jedesmal so eine Bereicherung !!!
Save travel weiterhin🍀
Merci, Karin! Wir sind ein gutes Team♥️, unsere sturen Köpfe und die Freude am Reisen geben uns Kraft.