Kaum hatten wir uns nach dem Mittagshalt in Tumbes wieder auf den Weg gemacht, veränderte sich die Landschaft drastisch. Das tropisch grüne Flachland wurde innerhalb weniger Kilometer zu einer kargen Wüste. Darüber waren wir im ersten Moment froh, denn wir fühlen uns in trockener Hitze viel wohler als im tropisch feuchten Klima. Haben wir dies bereits einmal erwähnt😉? Bald kam jedoch der Gegenwind auf und sorgte dafür, dass wir mehr Zeit hatten, in die Wüstenlandschaft hinauszublicken, als uns lieb war.

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Eigentlich hatten wir uns für den ersten Tag mehr vorgenommen, doch die fortschreitende Tageszeit zwang uns, nach einem Campingplatz Ausschau zu halten. In diesem Moment überholte uns ein Mann auf einem Quad und fragte uns, ob wir einen Übernachtungsplatz suchten. Sein Strandhaus sei nur 500 Meter entfernt und wir könnten bei ihm ungestört zelten. Wir zögerten kurz, da wir vor Diebstählen und Raubüberfällen an der Küste gewarnt worden waren. Doch das Bauchgefühl sagte uns (zurecht), dass Andrés nichts Böses im Schilde führte. Also folgten wir ihm, winkten seinem Wachmann freundlich zu und wurden von den vier Hunden enthusiastisch begrüsst. Unser Gastgeber hatte früher in Lima gelebt und liess sich hier eine noble Strandvilla bauen. Diese benutzt er allerdings nur tagsüber, denn zum Wohnen ist sie ihm zu gross. So hatten wir seine Veranda mit Pool und toller Aussicht aufs Meer ganz für uns allein. Wow, was für ein Glück!

Gut ausgeruht fuhren wir am nächsten Morgen der Küste entlang durch kleine, lebhafte Fischerdörfer. Am Nachmittag frischte der Gegenwind wieder auf und erforderte auf den letzten Kilometern über Schotterpiste Durchhaltewillen. Zur schönen Abendstimmung an der Küste bei Cabo Blanco passte die Brise jedoch ganz gut. Beim Zelten bliess sie uns ordentlich Sand um die Ohren und in den Kochtopf. Es knisterte richtig schön zwischen den Zähnen … so viel zum romantischen Strandcamping😉.

Von Cabo Blanco aus durften wir weiterhin der küstennächsten Piste folgen, obwohl diese durch ein Erdölfördergebiet führte. Als wir immer mehr verendete Vögel zwischen den Erdölpipelines liegen sahen, begann unsere Stimmung zu kippen und wir wurden nachdenklich… Die Stadt Talara war ein erster Tiefpunkt. Am Meer verrotteten die Fischerboote zwischen haufenweise Plastikmüll, während auf der anderen Seite des Hafens die Flammen der Raffinerie brannten. Hitze, Staub, Dreck, Gestank und Armut, wo auch immer wie hinsahen. Nach der Mittagspause in einem recht ansprechenden Park, welcher gerade von auswärtigen Arbeitern aufgehübscht wurde, ging es in Richtung Sullana weiter. Dank den Küstenbergen, die im Abendlicht warm leuchteten, versöhnten wir uns mit der Gegend und wir fanden einen tollen Campingplatz in der Wüste.

Nur wenige Kilometer weiter wurde es wieder grün. Seit jeher werden die Flüsse aus den Bergen für die Bewässerung genutzt und ermöglichen heutzutage einen sehr intensiven Anbau von Limetten, Mango und Zuckerrohr. Unsere Augen freuten sich über das frische Grün, sahen zwischen abgezäunten Feldern und Wohngebieten aber auch, wie sich Abfall und Bauschutt am Strassenrand türmten. Manchmal hatten wir das Gefühl, mitten durch eine Mülldeponie zu radeln, doch es war das ganz normale Landschaftsbild. Am Abend war der Parkplatz einer Kirche die einzige saubere, unbebaute Fläche weit und breit. Da gerade ein Gottesdienst im Gange war, setzten wir uns draussen hin und warteten, bis wir den Pastor um Erlaubnis zum Zelten fragen konnten. Natürlich fielen wir Ausländer auf und wurden sofort eingeladen, der Predigt beizuwohnen. Aus Höflichkeit nahmen wir das Angebot dankend an und gesellten uns zu den zehn Gästen. Zum Schluss des Gottesdienstes wurden wir persönlich begrüsst und nach vorne gebeten, um uns dem Publikum vorzustellen, was David souverän übernahm. Das Campieren auf dem Parkplatz war anschliessend kein Problem😊.

Drei Tage lang ging es mehrheitlich flach und auf ruhiger Asphaltstrasse durch karges Buschland der Stadt Chiclayo entgegen. Bei Túcume besichtigten wir die gleichnamigen Pyramiden, eine archäologische Ausgrabungsstätte mit über 1’000 Jahre alten Pyramiden aus ungebrannten Lehmziegeln. Archäologen gehen davon aus, dass sie um 700 n. Chr. von den Lambayeque erbaut und von den nachfolgenden Kulturen unter anderem für religiöse Rituale genutzt wurden. Der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning stiess vor 120 Jahren zufällig auf die 26 Pyramiden, welche erst seit den 1990er Jahren gründlicher erforscht werden. Am nächsten Morgen besuchten wir in der Stadt Lambayeque das Brüning-Museum, welches eindrucksvolle Funde aus der Region zeigt, darunter insbesondere Keramik und Schmuck. Ein weiteres sehenswertes Museum in Lambayeque ist den Königsgräbern des Herrn von Sipán gewidmet, welcher vor etwa 1’700 Jahren ein bedeutender Herrscher gewesen sein muss. Die ausgestellten Grabbeigaben sind jedenfalls sehr eindrücklich! Besonders erstaunlich ist, dass das Grab erst im Jahr 1987 entdeckt wurde.

Diese Sehenswürdigkeiten waren eine sehr willkommene Abwechslung in der trostlosen Umgebung. Es war wieder staubtrocken, viel zu heiss für die Jahreszeit und eine dichtere Besiedlung brachte sowohl mehr Abfall als auch aggressiveren Verkehr mit sich. Kleinbusse und Mototaxis mussten uns unbedingt überholen, um zehn Meter später vor unserer Nase abrupt anzuhalten oder sie fuhren mit vollem Tempo energisch hupend auf uns zu, offenbar der Meinung, wir würden mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung machen! Aber auch andere Fahrer fanden es erforderlich, grundlos im Sekundentakt zu hupen. Boah… das nervte gewaltig! Die Einfahrt nach Chiclayo war so unangenehm, wie schon lange keine Stadteinfahrt mehr, einfach weil niemand weiter als bis zu seinem Vorderrad denkt – die Stossstange wäre schon zu weit.

Unser AirBnb in Chiclayo war hingegen ganz in Ordnung und wir blieben drei Nächte, um uns von der insbesondere für den Kopf herausfordernden Strecke zu erholen. Die letzten Tage hatten sich wie eine Fahrt durch die Apokalypse angefühlt und uns nachdenklich gemacht. Sieht so unsere Zukunft aus, wenn wir Menschen unseren Lebensraum für die nachfolgenden Generationen weiterhin derart erfolgreich zerstören? Bringen euch dieser wissenschaftliche Artikel (in Englisch) oder dieses Interview, das eigentlich nur Bekanntes wiederholt, nicht auch ins Grübeln?

Genug Moralapostel gespielt… Wir kehrten dem tristen Flachland den Rücken zu und fuhren wieder den Bergen entgegen. Mit Rückenwind und zunehmend schöneren Ausblicken kamen wir am ersten Tag sehr gut vorwärts. In einer eindrücklichen Schlucht fanden wir zwischen hohen Felswänden ein flaches Plätzchen zum Zelten. So machte das Reisen wieder Freude! Leider war damit am nächsten Morgen Schluss. Denn sowohl David und als auch ich waren sehr müde und kamen irgendwie nicht in Schwung. Die deftigen, in Öl getränkten Spiegeleier zum Znüni gaben David schliesslich den Rest, sodass wir den Nachmittag im Schatten des Dorfplatzes von Catache verbrachten.

Es folgte ein zweitägiger Aufstieg auf überwiegend unbefestigter Strasse. Die Natur war erfrischend grün und die hügelige Landschaft durchsetzt mit kleinen Höfen, grasenden Kühen und am Wegrand angebundenen Schweinen. Die Strecke gefiel uns sehr gut, aber wir kamen kaum vorwärts. Dies lag einerseits an der grob-steinigen Unterlage und den Steigungen, andererseits an den freundlichen Menschen, die uns alle paar 100 Meter nach unserer Herkunft und unserem Ziel fragten. Auch Davids Abgeschlagenheit half nicht. Irgendwie schafften wir es dennoch bis nach Cajamarca. In dieser kleinen, hübschen Stadt machten wir zwei Tage Pause, schlenderten durch die Gassen, putzten unsere Velos und gönnten uns wieder einmal einen richtigen Kaffee, der jedoch nicht besonders gut schmeckte😉.

Am Abreisetag war David beim Frühstück sehr angespannt und versuchte, ohne Appetit etwas zu essen. In der Annahme, dass Velofahren die beste Medizin sei, schwangen wir uns trotzdem in den Sattel. Als wir nach 20 Kilometern eine Kaffeepause einlegten, war die erhoffte Besserung noch nicht eingetreten. Dass ein Bissen Snickers bei David einen Brechreiz auslöste, war für uns das Zeichen zur Umkehr. So können und wollen wir nicht weiterfahren!

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft kamen wir an einer Klinik vorbei, wo sich David nach einem Termin erkundigen wollte. Er vermutete nämlich, dass er, wie viele andere Reisende, Parasiten eingefangen hatte und wollte dies abklären. Es schien sich um eine Privatklinik zu handeln, denn David musste alles sofort bar bezahlen, wurde aber umgehend von einem vertrauenswürdigen Arzt gesehen.

Die verordneten Laboruntersuchungen fielen allesamt negativ aus. War das nun positiv? Es wäre auch ganz praktisch gewesen, eine Ursache für Davids Unwohlsein zu kennen. Nun ja, wir holten die verschriebenen Medikamente zur Beruhigung von Davids Magen-Darm-Trakt in einer Apotheke ab und bezogen wieder die gleiche Unterkunft. Unser herzlicher Vermieter Herbert freute sich, dass wir zurückkehrten und auch unser «Mitbewohner», ebenfalls ein David, war noch da und sass an seinem angestammten Platz auf dem Sofa. Wir fühlten uns also fast wie daheim und kamen gerade rechtzeitig, um das Elfmeterschiessen zwischen Kolumbien und der Schweiz zu sehen. Eigentlich hätten wir uns für diese Fussballweltmeisterschaft nie interessieren wollen, aber das geht halt fast nicht😉.

Nun sind wir seit weiteren drei Tagen in Cajamarca und bleiben, bis sich David für die Weiterfahrt bereit fühlt. Der letzte Zusatztag in Cajamarca geht allerdings auf meine Kappe, denn ich war beim Kosten von Strassenküche nicht vorsichtig genug und verbrachte die vergangene Nacht vor und auf der Toilette…