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Pannen
Zelt
ohne Dusche
>50% Sonne
Schokolade
Pass um Pass nach Cusco
Die Stadtausfahrt aus Huancayo gestaltete sich im Morgenverkehr ähnlich nervenaufreibend wie die Einfahrt im Abendverkehr. Doch diesmal ging es leicht abwärts, sodass wir uns ohne zu pedalieren ganz auf die Kleinbusse, Taxis, Lastwagen, Schlaglöcher, Temposchwellen, Fussgänger und Hunde konzentrieren konnten.
Nach ungefähr zehn Kilometern hatten wir den hektischen Stadtverkehr hinter uns gelassen und den Mantaro Fluss erreicht. Als gebührenden Einstieg nach unseren Kurzferien in Lima, die uns übrigens sehr gut getan hatten, kletterten wir auf einer gut asphaltierten Strasse 1’300 Höhenmeter ins Dörfchen Vista Alegre hinauf. Während wir dort im einzigen Restaurant des Ortes einen Instantkaffee schlürften, zogen draussen dunkle Gewitterwolken auf. Eigentlich wäre unser Plan gewesen, über eine Schotterstrasse durchs praktisch unbesiedelte Puna-Hochland zu einer Reihe von Lagunen zu fahren. Doch ab Vista Alegre hätte es für zwei Tage keinen Schutz vor Wind, Regen und Kälte gegeben. Und genau das, machte uns nun Sorgen, denn der Wetterbericht sagte täglich Gewitter voraus.

Ich überredete David, im Dorf nach einem Übernachtungsplatz zu suchen und über die Routenwahl zu schlafen. Als wir nach einem überdachten Zeltplatz Ausschau hielten, stiessen wir zufällig auf das besetzte Büro des Ministeriums für Entwicklung und soziale Inklusion (Tambo). Selbstverständlich dürften wir auf ihrem Gelände unser Zelt aufbauen, aber sie würden uns empfehlen, ihre Unterkunft zu nutzen. Sie sei kostenlos, ein Angebot des Staates. Na gut, wenn das so ist, herzlichen Dank Peru😊! Kaum hatten wir unsere Velos in den sauberen Schlafraum geschoben, setzte heftiger Gewitterregen ein. Was für ein Timing! Während wir im Flur unser Znacht kochten, donnerte und blitzte es ununterbrochen. Bumm… plötzlich schlug ein Blitz in den Stromverteiler neben dem Gebäude ein und liess uns und das halbe Dorf im Dunkeln sitzen. Damit war klar, dass wir auf die abgelegene Route verzichten und einen Weg mit mehr Zivilisation einschlagen. Auf über 4’000 müM finden wir Gewitter nämlich ziemlich ungemütlich.
Der nächste Morgen war kalt aber die Sonne strahlte vom stahlblauen Himmel. Dennoch blieben wir bei unserer Entscheidung und genossen die letzten Asphaltkilometer bis Huasicancha. Der Dorfplatz dieser kleinen Ortschaft war mit Schutzzelten vollgestellt und Frauen bereiteten in grossen Töpfen Mahlzeiten für die Bevölkerung zu. Was war hier passiert? Ein Erdbeben hatte einige Wochen zuvor das Dorf erschüttert und viele der Lehmhäuser unbewohnbar gemacht. Zum Glück hatte die Erde während eines Dorffestes gebebt, sodass sich die Leute im Freien aufhielten und niemand ernsthaft verletzt wurde. Nun lebten einige Familien in Zelten und die Frauen kochten gemeinsam in einer Strassenküche. Von Verzweiflung spürten wir jedoch nichts, im Gegenteil: die Leute freuten sich über unseren Besuch und die Abwechslung. Sie stellten uns viele Fragen, wir machten Selfies und wir wurden ganz selbstverständlich zu einem Instantkaffee eingeladen.


Gerührt von dieser Herzlichkeit setzten wir unsere Fahrt über die nun unbefestigten Strassen fort. Wir überquerten eine eindrückliche, kleine Hochebene und holperten steil ins nächste Tal hinunter, um von dort gleich wieder aufzusteigen. Unter dem Vordach eines Schulhauses wirkte das abendliche Gewitter weit weniger bedrohlich als am Vortag. Trotzdem waren wir froh, nicht irgendwo in der Puna Blitz und Donner ausgesetzt zu sein. Kein Entkommen gab es am nächsten Tag vor dem steinigen und steilen Anstieg über einen weiteren 4’700 Meter hohen Pass in Richtung Chunuraura. Nach nur 40 Kilometern und die Hälfte davon abwärts, erreichten wir das kleine Strassendorf fix und fertig. Erleichtert, zufrieden und müde sassen wir beim Kaffee und uns war klar, dass wir keinen Tritt weiter tschaupe wollten. Als es gegen Abend erneut kräftig zu regnen begann, erklärte uns die liebe Wirtsfrau, dass ihre Nachbarin einen leeren Raum vermieten würde, wo wir die Nacht im Trockenen verbringen könnten. Sehr gerne zogen wir im benachbarten Rohbau ein, wo wir unser Zelt aufbauten und zuhörten, wie der Regen aufs Dach prasselte. Wie toll sich alles wieder irgendwie ergeben hatte!


Für die Weiterfahrt entpuppte sich die vermeintliche Asphaltstrasse auf den ersten 120 Kilometern als (gute) Schotterpiste. Bei der äusserst dünnen Besiedlung war es eigentlich auch nicht anders zu erwarten. Mit Rückenwind kamen wir auf dem Hochplateau sehr gut voran und weil auch das Wetter viel freundlicher war als erwartet, fuhren wir nach einem leckeren Forellenzmittag in Pucapampa einfach weiter. Bei der nächsten Abzweigung konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, einen kurzen Abstecher zu einem – gemäss Strassenschild – 5’059 Meter hohen Pass zu machen. Tatsächlich kreuzte die Strasse die 5’000 Meter Höhenlinie nie und der Pass soll «nur» 4’979 Meter hoch sein. Egal, wir hatten Spass, schossen einige Foto und machten uns auf die kalt-windige Abfahrt.

Wir zitterten noch immer, als wir wiederum im Vorraum einer Gemeindeunterkunft unser Abendessen zubereiteten. Zum Glück mussten wir nicht draussen übernachten, denn am Morgen war es selbst in unserem Schlafraum nur knapp über 0° Celsius. Die Sonne und das Velofahren wärmten uns schnell auf und schon nach dem Znüni pedalierten wir in kurzen Hosen den nächsten Hang hinauf. Im kleinen Dörfchen Ccarhuacc Licapa kreuzten wir die berühmte Bikepacking-Route «Peru Great Divide» (PGD). Während unserer Mittagspause begegneten wir fünf Velofahrern, mehr als bisher in ganz Peru (abgesehen vom Hostel in Huaraz). Und hier stellte sich nun nicht nur die Frage, ob wir nach Ushuaia fahren, sondern auch, in welcher Richtung wir auf der PGD unterwegs sind. Oje, wir bewegen uns nicht gerne in Herden und mögen es erst recht nicht, vorgegebenen Pfaden und Zielen zu folgen. Gut, dass sich unser Weg bald wieder von der PGD trennte.

Wir hielten uns an die Hauptstrasse und fuhren in die hübsche Kolonialstadt Ayacucho und zu unserer Warmshower-Gastgeberin Pilar. Im geschmackvollen und gepflegten Gästehaus ihrer Familie durften wir zwei Nächte umsonst übernachten und genossen diesen Luxus sehr. Der Ruhetag verging mit Stadtbesichtigung, Handwerksmarkt, einem guten Kaffee, meinem besten Coiffeurerlebnis seit Japan und dem Besuch des ANFASEP-Museums wie im Flug. ANFASEP steht für Asociación Nacional de Familiares de Secuestrados, Detenidos y Desparacidos del Perú. Die Frauenorganisation setzt sich dafür ein, dass die Gewalt und der Terror der 1980er Jahre nicht in Vergessenheit geraten und sich niemals wiederholen.

Sendero Luminoso – Leuchtender Pfad
Ab 1980 terrorisierte die maoistische Rebellenbewegung Sendero Luminoso das Land Peru. Ihr Ziel war der gewaltsame Sturz der Regierung und die Errichtung eines Agrarstaates nach maoistischem Vorbild. Wer sich der Bewegung widersetzte oder sie nicht unterstützte, wurde auf brutalste Weise eliminiert. Viele Bauernfamilien verloren ihre Kinder, meistens Buben, die zu bewaffneten Kämpfern ausgebildet wurden. Das Militär, welches den Sendero Luminoso bekämpfte, ging in den Andendörfern ebenso rücksichtslos und brutal gegen die Bevölkerung vor. Die Militärs erzwangen Aussagen, vergewaltigten Frauen, raubten und töteten. Da die arme und seit Jahrhunderten unterdrückte Landbevölkerung vorwiegend Quechua sprach, wurde sie vom spanischsprachigen Militär nicht verstanden. Und wer sich nicht ausdrücken konnte, galt automatisch als potenzieller Aufständischer.
Im Jahr 1992 wurde Abinel Guzmán, der Anführer des Sendero Luminoso, verhaftet. Seither gibt es in entlegenen Gegenden noch einzelne Gruppen von Senderos, die sich über den Drogenhandel finanzieren. In diesem furchtbaren Konflikt kamen 70’000 Menschen ums Leben. Viele Hinterbliebene wissen bis heute nicht, was mit ihren Angehörigen passiert ist.
In diesem Interview berichtet der damalige SRF-Korrespondent, wie er die Zeit erlebt hat. Schaut euch dazu unbedingt den Dokumentarfilm «Storm in the Andes» an, den der Regisseur Mikael Wiström kostenlos auf der Plattform Vimeo zur Verfügung stellt (mehrheitlich auf Spanisch mit englischen Untertiteln)! Die deutschsprachige Version («Sturm in den Anden») wurde vor einigen Jahren auf SRF ausgestrahlt aber leider konnten wir sie nirgends finden.
Um viele Eindrücke reicher verliessen wir Ayacucho auf der Hauptstrasse in östlicher Richtung. Von unserem nächsten Zwischenziel in Cusco trennten uns weniger als 600 Kilometer, die hatten es jedoch in sich. Kurvenreich aber stets gut geteert und mit angenehmen Gradienten ging es über fünf grosse Pässe der Hauptstadt des früheren Inkareichs entgegen. Wir pendelten zwischen 1’800 und 4’200 müM, zwischen fruchtbaren Tälern und kargem Hochland, zwischen kurzen Hosen und Daunenjacke, zwischen kühlender Cola und wärmendem Quinoa-Getränk. Die Woche, in welcher wir täglich um die 1’700 Höhenmeter bewältigten, war anstrengend aber auch lohnend und vergnüglich. In den Dörfern und Städten waren sich die Leute Velofahrer nicht gewohnt. Sie wollten wissen, woher wir kamen und wohin wir gingen, schenkten uns Früchte und freuten sich, wenn wir zum Campieren auf ihrem Fussballplatz anfragten. ¡Claro Papi! ¡Descansa Mami! Mit Papi und Mami wurden wir eigentlich immer und überall angesprochen… wobei uns das gelegentliche ¡Hola Joven! oder ¡Buenas Dias Linda! besser gefiel😊.
Dass auf der Strecke sonst keine Velofahrer unterwegs waren, stimmt nicht ganz. Nur waren Sebastian und Jörg aus Deutschland mit ihren unglaublich leicht beladenen Rennrädern so schnell unterwegs, dass man sie kaum sah😉. Ausser, als sie uns überholten und sich Zeit für einen Schwatz nahmen. Eine schöne und lustige Begegnung!


Ungefähr 40 Kilometer vor Cusco verliessen wir die Hauptstrasse und bogen in nördlicher Richtung nach Ollantaytambo ab, um dort die Ruinen einer Inkafestung zu besichtigen. Wegen einer Baustelle wurden wir mit Mittagshunger über eine holprige Staubstrasse um das Dorf herumgeleitet und landeten nach einem weiten Umweg mitten in der übelsten Touristenmeile. Was für ein furchtbar unsympathisches Kaff! Nach dem Zmittag sah alles etwas freundlicher aus und David fand uns eine passende Unterkunft ohne Schnickschnack. Als wir um die Ecke den lokalen Markt und einige typische Tante-Emma-Läden entdeckten, versöhnten wir uns mit dem Dorf und genossen die Abendstimmung.


Die Besichtigung der Ruinen stand am nächsten Morgen früh auf dem Programm. Um diese Zeit hatten wir das Gelände noch fast für uns allein und konnten das unglaublich exakte und ästhetische Mauerwerk in aller Ruhe bewundern. Noch am gleichen Tag legten wir mit zügigem Rückenwind die Strecke nach Pisac zurück. Das kombinierte Eintrittsticket für die Ruinen von Ollantaytambo und Pisac war nämlich nur zwei Tage lang gültig, also hatten wir keine Zeit zu verlieren. Anders als in Ollantaytambo war unser erster Eindruck von Pisac ein überraschend guter. An der Hauptstrasse wirkte das Dorf wie irgendein Ort in Peru. Sobald wir uns jedoch dem Zentrum näherten, prägten ausgesprochen alternative Westler und auf ebendieses Publikum zugeschnittene Cafés und Geschäfte das Dorfbild. Waren all diese Leute wegen den Ruinen hier? Nein, natürlich nicht. Wie wir herausfanden, ist Pisac ein Zentrum der sogenannten New Age Bewegung. Hier treffen sich Menschen für Yoga, Meditation und spirituellen Zeremonien wobei zu letzteren auch die Einnahme von bewusstseinserweiternden Kräutern, Pilzen und Fröschen gehört. Uns befremdete die abgehobene Parallelgesellschaft und so mieden wir ihre einschlägigen Lokale. Die halbtägige Wanderung durch die faszinierenden Inkaterrassen und Ruinen war dann hingegen richtig toll. Einmal mehr waren wir tief beeindruckt von der Präzision und Sorgfalt, mit der das massive Mauerwerk im 15. Jahrhundert angelegt wurde. Wahnsinn!

Heute Vormittag bewältigten wir den letzten kleinen Pass auf dem Weg nach Cusco. Die Strasse war ein holpriger Flickenteppich aber sie brachte uns direkt und ohne Aufregung ins Stadtzentrum. Hier bezogen wir unser schönes Airbnb und durften auch schon ein Päckchen mit Ersatzteilen in Empfang nehmen, welches über viele Stationen von der Schweiz nach Peru gereist war. Vielen herzlichen Dank allen Beteiligten!














































































































Liebe Weltreisende
Vielen Dank für den interessanten Bericht, spannend und aufschlussreich geschrieben (wie immer).
Diesmal kann ich aber die Bilder aus der Fotogalerie nicht einzeln (vergrössert) betrachten???
Herzliche Grüsse aus der Schweiz
Ruedi + Annemarie
Herzlichen Dank für den Hinweis! Der Fehler ist behoben.
Geniesst Peru und die Ovo-Schoggi!;-)
Herzlich, Alexander
Peru ist fürs Erste ausgenossen und die Ovo-Schoggi sowieso😢…